Mit dem inneren Genießer auf  Tuchfühlung

Kennen Sie das auch: Nachdem Sie eine Weile Ihre Ernährungsgewohnheiten haben schleifen lassen und die Kleider zwicken, nehmen Sie sich fest vor, dass ab morgen alles besser wird – und Sie ab dann weniger bzw. gesünder essen werden? Doch geht es Ihnen dann auch meist so, dass dieses Vorhaben nach hinten los geht? Bei mir jedenfalls ist es so, dass Verbote nicht viel bringen – im Gegenteil.

Das Aufstellen von Regeln endet meistens in der entgegengesetzten Richtung. Je ernster mein Vorhaben und je strikter meine Auflagen, desto wahrscheinlicher halte ich nicht lange durch – der Heißhunger lässt grüßen.

Wir sind nicht nur einer, sondern viele

Auch, wenn es seltsam scheint, dass zu strenge Regeln und Verbote uns nicht weiterbringen – jedenfalls nicht dauerhaft, ist das völlig psycho-logisch. Denn wir sind nicht nur einer.

Wenn ein Teil in uns eine Regel aufstellt, bei der alle mitmachen sollen, die anderen aber nicht in den Entscheidungsprozess mit einbindet, geht das meist nach hinten los. Das kennen wir ja auch aus anderen Bereichen. So lässt sich erklären, dass Regeln unserer Vernunft, die den inneren Genießer in uns, der seinen Genuss und seine Freude im Verspeisen von Lieblingsgerichten findet, übergehen wollen, meist nicht lange durchgehalten werden.

Jeder will gehört werden

Jeder Teil von uns hat ein Grundbedürfnis nach Selbstbestimmung und Freiheit. Er möchte selbst entscheiden, wann, was getan wird und in die Entscheidungsfindung miteinbezogen werden. Selbst, wenn wir der Überzeugung sind, dass unser gesamtes Ich von dem Wunsch motiviert ist, abzunehmen, gesünder oder weniger zu essen, gibt es da zumindest einen Teil in uns, der beim Gedanken an eine Ernährungsumstellung Verzicht und Verlust empfindet.

Das ist der Teil in uns, der es gewohnt ist, unser emotionales Befinden durch Nahrung zu regulieren, und sich nun davor fürchtet, dass ihm seine Mittel für die Stimmungs-Regulation weggenommen werden.

Der innere Genießer in sorgt für innere Ausgeglichenheit durchs Essen

Die meisten von uns essen nicht nur um körperlich satt zu werden, sondern auch um Ihrer Seele etwas Gutes zu tun. Unser innerer Genießer sorgt dabei für die richtige Nahrungsmittelauswahl. Wenn wir uns traurig, einsam oder niedergeschlagen fühlen, greifen wir zu Schokolade und anderen Süßigkeiten. Wollen wir uns für einen anstrengenden Tag belohnen, gibt es am Abend eine riesige Portion Pasta oder eine Pizza vom Lieblingsheimservice. Unser innerer Genießer weiß, mit welchen Speisen er uns in die gewünschten Zustände bringen kann.

Kein Wunder also, dass er Angst bekommt, wenn wir ihm durch das Aufstellen von Verboten und Auflagen seine emotionalen Regulations-Mittel wegnehmen wollen. Um unser psychisches Gleichgewicht zu wahren, sorgt unser innerer Genießer mit Heißhungerattacken und unbändigen Verlangen dafür, dass wir unsere selbst auferlegten Regeln nicht lange durchhalten können.

Geben wir diesem Verlangen nach, fühlt sich das durchaus erst einmal gut und befriedigend an, allerdings nur solange bis das schlechte Gewissen auftaucht. Denn wir wissen, dass Figur oder Gesundheit genau durch dieses Verhalten leiden. Einen Ausweg aus diesem Kreislauf bietet uns ein einfühlsamer Umgang mit uns selbst.

Einfühlung kann heilsam sein

Wenn wir auf den inneren Konflikt in uns zu lauschen beginnen (zu einem inneren Konflikt kommt es immer dann, wenn verschiedene Kräfte in uns aktiv sind, also ein Teil zum Beispiel am Abend etwas erleben und ausgehen möchte, ein anderer Teil aber lieber gemütlich auf der Couch herum liegen will), erkennen wir, dass wir nicht nur „Einer” sind, sondern aus mehreren Teilen bestehen. Dann ist es an der Zeit jeden unserer Anteile in die Entscheidungsfindung mit einzubeziehen.

Denn nur dann, wenn unsere Vorhaben von all unseren inneren Anteilen getragen werden, stehen die Aussichten für einen Erfolg gut. In unserem Fall ist es dazu zunächst einmal nötig, dass wir den inneren Genießer in uns nicht nur wahrnehmen, sondern auch ernst nehmen und zu schätzen lernen. Denn nur allzu oft machten wir ihn bisher zum Allein-Verantwortlichen für all unsere (Gewichts-)Probleme. Ist es da ein Wunder, dass er sich ausgeschlossen fühlt und mit seiner Kraft gegen uns statt für uns arbeitet?

Der innere Genießer in uns sorgt für emotionale Ausgeglichenheit

Wenn wir nicht weiter an Kraft und Energie bei dem Konflikt zwischen Vernunft und innerem Genießer in uns verlieren wollen, müssen wir wieder lernen, auch den inneren Genießer zu würdigen und zu schätzen. Schließlich übernimmt auch er eine wichtige Aufgabe, indem er für unser psychisches Wohlbefinden sorgt.

Solange wir nicht gelernt haben, die emotionalen Bedürfnisse hinter unserem Essverhalten zu erkennen und auf umfassende Weise zu befriedigen, verdanken wir dem inneren Genießer unser psychisches Wohlbefinden. Streichen wir nun die Lebensmittel, die für unser emotionales Gleichgewicht wichtig sind, einfach so aus dem Speiseplan, ohne uns über ihre tiefer gehende Bedeutung bewusst zu sein und alternative Wege anzubieten, können Depressionen und Niedergeschlagenheit die Folge sein. Dabei kann emotionaler Hunger verschiedene Gründe haben.

Bei den einen sind es hauptsächlich Langeweile oder die Sehnsucht nach Abwechslung, bei anderen hilft Essen über das Gefühl von Einsamkeit, Verlassensein oder dem fehlenden Sinn im Leben hinweg. Wenn wir uns bewusst machen, was der innere Genießer für uns leistet, ist leicht verständlich, dass ein Kampf gegen ihn sinnlos ist. Dieser Teil in uns ist wichtig für unser Wohlergehen und verdient Achtung und Respekt.

Erst, wenn wir in der Lage sind, unseren inneren Genießer anzunehmen und zu akzeptieren, können wir gemeinsam auf die Suche nach umfassenden Lösungen gehen, die für unser „Gesamtselbst” Wohlbefinden garantieren. Indem Sie Ihren inneren Genießer zu Ihrem Freund machen und mit ihm, statt gegen ihn arbeiten, werden sich Ihnen neuartige Möglichkeiten und Wege erschließen, Ihrem Wunschgewicht einen Schritt näher zu kommen. Seien Sie auf eine Reise voller Neuentdeckungen und tiefere Einblicke in sich selbst gespannt.

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