Soll ich oder soll ich lieber nicht?

Vor einiger Zeit habe ich etwas gelesen, das ich aus eigener Erfahrung nur be­stätigen kann. In dem Buch, an dessen Titel ich mich gerade nicht erinnern kann, wird der menschliche Entwicklungsprozess wie folgt beschrieben.

Zunächst einmal waren wir vom Instinkt geleitete Wesen, die ihre Ent­scheidungen vor allem auf der Basis von „das tut mir gut, das tu ich“ bzw. „das tut mir weh/schadet mir, das lass ich lieber“ trafen. Wir aßen, was uns schmeckte, legten uns schlafen, wenn wir müde waren und fingen an zu flüchten, sobald Gefahr drohte.

Doch ein wirkliches Verständnis davon, ob etwas gut oder schlecht bzw. richtig oder falsch ist, hatten wir damals nicht. Eigentlich unterschieden wir uns nicht wirklich von den Tieren, bei denen nach Ansicht vieler noch immer das Lust- Schmerz-Empfinden über das Verhalten entscheidet.

Auch bei Kindern ist das anfangs ähnlich. Sie erfahren über ihre Sinne und meiden, was ihnen Schmerzen zufügt und suchen, was ihnen Freude bereitet. Gestört wird dieser natürliche Kreislauf erst durch den Einfluss der Erwachsenen.

Erwachsene „wissen“, dass man anderen nichts wegnehmen soll, seinen Teller leer essen muss, um groß und stark zu werden und versuchen durch Lob-Tadel, Belohnung-Strafe oder Zuspruch-Widerworte dem Kind ein „richtiges“ Verhalten zu vermitteln. Als Kinder werden wir sozusagen konditioniert an die Werte der Erwachsenen und wir lernen schnell, dass es uns oft besser ergeht, wenn wir folgsam und gehorsam sind.

Leider passiert es dann häufig, dass wir auch als Erwachsener nicht wirklich frei entscheiden, ob wir etwas als gut und richtig befinden, sondern unseren Konditionierungen aus der Kindheit folgen. Wir übernehmen also die Moralvor- stellungen aus der Erwachsenenwelt, ohne wirklich selbst einmal darüber nach­zudenken, ob diese Werte auch unserem Inneren entsprechen.

Allerdings können wir laut den Aussagen des Buches auch zu einem wahrhaft erwachsenen Menschen heranwachsen, der sich von den Moralvorstellungen anderer freimacht, aber dennoch nicht mehr seinem Lust-Schmerz-Empfinden folgen muss. In dieser Phase erwacht das, was viele als Gewissen bezeichnen.

Durch unser Gewissen sind wir auf faszinierende Weise mit einer Art schöpferischeren Quelle verbunden, die ein viel umfassenderes Verständnis davon hat, was richtig oder falsch ist. Es handelt sich dabei um eine Moral, die keine Gesetze oder Regeln braucht, sondern aus unserem Inneren kommt.

Wer mit dieser Quelle verbunden ist, der weiß, dass es nicht richtig ist zu morden, zu töten, zu stehlen, zu betrügen oder ganz allgemein ausgedrückt anderen Schmerzen zuzufügen. Das braucht ihm niemand zu sagen, das spürt er einfach.

Wer mit seinem Gewissen wahrhaft verbunden ist, wird gar nicht erst auf die Idee kommen, Handlungsweisen, die gegen sein Gewissen sprechen, zu unternehmen, denn er weiß, dass er damit viel Leid anrichten wird – und zwar nicht nur bei den anderen.

Der Autor beschreibt, wie ich finde äußerst treffend, die Problematik der heutigen Menschheit. Die meisten von uns stecken noch inmitten des Lust-Schmerz-Prinzips, streben also nach Handlungen, die sich unmittelbar gut an­fühlen und meiden, was auf den ersten Blick unangenehm ist, gleichzeitig er­wacht jedoch auch das innere Gewissen. Daraus resultieren tiefe innere Konflikte.

  • Soll ich das Schnitzel nun essen oder nicht? Einerseits schmeckt es ja so gut, andererseits, muss ein Tier dafür sterben.
  • Soll ich mir die Zigarette wirklich anstecken oder müsste ich nicht längst meiner Gesundheit zuliebe mit dem Rauchen aufgehört haben?
  • Soll ich mich der lockenden Versuchung hingeben und eine Affäre mit dem attraktiven Sunnyboy eingehen oder doch lieber an die Gefühle meines Partners denken?
  • Darf ich lügen, um meine Bedürfnisse zu erfüllen oder muss ich immer Wahr- heit sagen?
  • Ist es in Ordnung so viel Geld für Luxusartikel wie teure Klamotten, ein tolles Auto oder Urlaubsreisen auszugeben oder muss ich mich mehr für die Armen dieser Welt einsetzen?
  • Darf ich diese Billigklamotten kaufen, obwohl sie wahrscheinlich von Kindern oder unter bezahltem Personal gefertigt wurden oder muss ich doch etwas tiefer in die Tasche greifen um ethisch korrekte Ware zu kaufen?
  • Soll ich den mir angebotenen Job antreten, weil er so verlockend gut bezahlt wird und mit einer Festanstellung wirbt, oder soll ich aller logischen Argumente zu trotz meinem Bauchgefühl folgen, absagen und darauf ver- trauen, dass sich bald noch eine weitere Türe öffnen wird?

Und so weiter und so fort.

Wenn unser Gewissen erwacht, dann kann das einschneidende Veränderungen mit sich bringen. Auf einmal können wir Dinge, die wir sonst ohne große Über­legungen einfach taten, nicht mehr tun, ohne dass sich die Frage aufdrängt, ob das in Ordnung ist, was wir da tun. Das kann sich auf den Bereich der Ernährung, unser Konsumverhalten, den Umgang mit anderen Menschen oder auch auf die Art und Weise, wie wir mit uns selbst umgehen, beziehen.

Und gerade zu anfangs kann das schon mal ganz schön unangenehm werden. Auf der einen Seite stehen all die Verlockungen, mit denen wir bisher für angenehme Gefühle gesorgt haben und auf der anderen Seite steht der erhobene Zeigefinger unseres Gewissens.

Wir stecken in einer Art Zwickmühle

Verhalten wir uns wie gewöhnt, frönen unseren Süchten und alten Angewohn­heiten, merken wir ganz schnell, dass wir uns nicht mehr richtig wohl dabei fühlen und leiden sogar unter einem schlechten Gewissen. Folgen wir dagegen unserem Gewissen, fühlen wir uns gewissermaßen betrogen um all die früheren Glückserlebnisse. Es ist wirklich ein Dilemma, in dem wir da stecken, wenn unser Gewissen zu erwachen beginnt.

Was kann uns nun also helfen? Wie können wir wieder zu einem un­beschwerteren Leben gelangen, in dem Entscheidungen nicht stundenlang hin und her gewälzt werden müssen?

Die Antwort ist einfach, aber sicherlich nicht immer so einfach umsetzbar: Wir müssen zu demjenigen werden, der wir wahrhaft sind. Zu wissen ,wer ich bin und ,welche Werte ich verkörpere´ helfen dabei klare Entscheidungen zu treffen.

Wenn ich ganz klar weiß, wer ich bin und was ich verkörpern will, dann stellt sich die Frage auf einmal nicht mehr, ob ich mich vegan oder herkömmlich er­nähre, ob ich im Discounter oder im Bioladen einkaufen gehe, ob ich Kleidung aus Synthetik oder Naturfasern bevorzuge, ob ich lieber bei der Wahrheit bleibe, als jemanden hinters Licht zu führen und ob ich verletzend und ausfallend oder einfühlsam und bedacht bleibe. Es ist dann ganz klar, ich handle entsprechend meiner Wertvor- stellungen und fertig.

Natürlich handelt es sich bei der Entdeckung ,wer ich wirklich bin´ um einen Prozess und ist nichts, was mir heute spontan einfällt und dann sofort umsetzbar ist. Die Suche nach dem wahren Selbst kann schon mal langwierig und heraus­fordernd sein.

Seien Sie daher behutsam mit sich selbst, wenn Sie heute noch nicht können, was Sie eigentlich gerne umsetzen möchten, wenn es Ihnen also schwerfällt, Ihre wahren Werte herauszufinden und diesen dann auch zu leben. Dabei handelt es sich meiner Meinung nach um einen Entwicklungsprozess, der mit all seinen Höhen und Tiefen gelebt werden will.

Wenn ich einmal nicht weiter weiß, mich also hin- und hergerissen fühle, hilft mir oftmals folgende Frage: „Was würde Liebe jetzt tun?“

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein fließendes Vorankommen auf dem Weg zu Ihrem wahren Selbst und wünsche Ihnen spannende und interessante Erkenntnisse.

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