Denken oder Wahrnehmen

Meditation bedeutet soviel wie „sich zur Mitte hin ausrichten“ oder „die eigene Mitte finden“. Doch um was geht es da genau, was ist die eigene Mitte?

Unser Körper strebt ständig den Zustand der Homöostase an. Ein Zustand in der „goldenen Mitte“ zwischen zwei Extremen. Ist es draußen heiß, fangen wir an zu schwitzen, was eine kühlende Wirkung hat. Ist es sehr kalt, fangen wir an zu zit­tern, was eine unwillkürliche, rhythmische Anspannung der Muskeln bedeutet und wodurch Wärme erzeugt wird. Unser Geist sucht ebenfalls die goldene Mitte zwischen Denken und Wahrnehmen.

Zwei geistige Aktivitäten
In unserer westlichen, hauptsächlich verstandesorientierten Welt, benutzen wir unseren Geist in erster Linie zum Denken. Aktiv führen wir innere Dialoge, ver­gleichen, bewerten, planen, bis wir vor lauter Sorgen und Gedanken ganz unruhig werden.

Oft fangen wir abends vor dem Einschlafen an Probleme zu wälzen und bringen uns so um die wohlverdiente Nachtruhe. Die Befürchtungen um Dinge des nächs- ten Tages lassen uns oft nur schwer zur Ruhe kommen. Wie angenehm wäre es doch, einfach mal zur Ruhe zu kommen, einfach mal die Gedanken abzu­schalten.

Dieser penetrante und nicht enden wollende Gedankenkreislauf geschieht, weil wir uns nicht bewusst sind, das dieses Denken nur eine Funktion unseres Geistes ist und nur eine Seite der Medaille darstellt. Denn unser Geist verfügt auch über eine weitere Funktion: Das bewusste Wahrnehmen und Beobachten.

Sobald wir etwas beobachten, verstummt das Denken und umgekehrt. Man könn­te dies mit einem Lichtschalter vergleichen: Entweder ist das Licht an, oder aus, je nachdem in welche Richtung wir den Schalter betätigen.

Den Schalter umlegen um das Gedankenkreisen zu beenden
Sobald wir uns beider Funktionen unseres Geistes bewusst sind, haben wir die Möglichkeit aktiv zu entscheiden, ob wir unseren Geist zum Denken oder zum Beobachten und Wahrnehmen einsetzen wollen. Viele Meditationspraktiken haben deshalb das Beobachten und Gewahrsein zum Inhalt. Indem wir uns darauf konzentrieren, zum Beispiel unseren Atem zu beobachten und wahrzunehmen, kön­nen wir damit nach und nach unseren inneren Dialog beruhigen.

Meditation muss nicht kompliziert sein
Sie brauchen nicht unbedingt zum Zen-Buddhismus zu konvertieren, um das Den­ken zu unterbrechen und den inneren Dialog kurz anzuhalten. Suchen Sie sich einfach etwas aus, auf dessen Beobachtung Sie Ihren geistigen Fokus richten können. Denn wenn wir es schaffen unsere Aufmerksamkeit und unsere Wahr­nehmungsfähigkeit auf den Vorgang der Beobachtung zu konzentrieren, kommt der innere Dialog mit der Zeit leichter zum Stoppen. Das Denken, Grübeln, Pla­nen und Sorgen wird unterbrochen. Damit werden auch die Gefühle, die durch solche Gedanken entstehen, unterbrochen.

Was tun Sie gerne?
Hören Sie gerne Musik, Wandern gerne oder spielen ein Instrument? Versuchen Sie einmal bewusst die wahrnehmende Funktion Ihres Geistes zu aktivieren, in­dem Sie Ihre Aufmerksamkeit auf das richten, was Sie ohnehin tun. Am Anfang fällt es den meisten Menschen leichter angenehme Tätigkeiten bewusst zu beo- b­achten. Versenken Sie sich voll und ganz in Ihr Hobby. Plötzlich verstummt der innere Dialog, das Gedankenkreisen hört auf und ein freier Raum scheint zu entstehen.

Das ist ein sogenanntes „Aha-Erlebnis“. Wir werden Zeuge, wie sich eine innere Ruhe einstellt, sobald das Denken stoppt. Anfangs dauert dieser Zustand vielleicht nur kurz, aber das macht nichts, immerhin wissen Sie ja jetzt, wie Sie immer wieder dorthin gelangen können.

Mit ein wenig Übung wird es immer leichter das Denken anzuhalten und in die innere Stille einzutreten. Dann können Sie versuchen, dies auch bei anderen, vielleicht nicht so angenehmen Tätigkeiten zu tun. Letztendlich wird es irgend­wann egal, auf was Sie Ihre Wahrnehmung richten, um das Denken anzuhalten.

Bildrechte: © Susi Berk Zur eigenen Mitte finden