Stimulus Addiction – Wenn das Training zur Sucht wirdAus dem Erfahrungsschatz eines Trainingssüchtigen

Seit meinem dreizehnten Lebensjahr bin ich trainingssüchtig! Stark trainingssüchtig! Im Alter von 13 begann ich mit dem Shotokan Karate, und schon im ersten Training war ich fassungslos begeistert, welches Körpergefühl sich durch das Training einstellte.

Das Training bestand aus Einzel- und Partnerübungen, Katas (Formen), Liegestütze, Kniebeugen, Sit Ups, Springen, Rennen, Krabbeln, Rollen, Seilklettern und vielem mehr und nach zwei Stunden waren alle Teilnehmer nass geschwitzt. Ich war begeistert und hatte vorher noch nie so ein intensives Körpergefühl, egal welche Sportarten ich als Kind auch betrieb. Es dauerte nicht lange, bis ich die meisten Übungen auch zu Hause ausführte.

Kampfsport und Gewichtheben

Mit 15, nach zwei Jahren Karatetraining und meinem täglichen Training zu Hause, war ich topfit, aber lang und erschreckend dürr. Ich hatte eine Wachstumsphase hinter mir und war plötzlich über 1,80 m und ältere Vereinskollegen rieten mir zu Krafttraining, um mehr Muskelmasse aufzubauen.

Daraufhin meldete ich mich in einem Fitnessstudio an. Allerdings sagte mir das Training an Maschinen nicht so zu. Es hätte vermutlich nicht lange gedauert, bis ich wieder aus dem Studio ausgetreten wäre, wenn mich der im selben Studio trainierende Gewichtheberverein nicht gefragt hätte, ob ich Lust hätte, der Jugendmannschaft beizutreten.

Das Studio verfügte dank der Gewichtheber, über eine Heberplattform, Kniebeugenständer und jede Menge Langhanteln und Scheiben und ich entschloss mich, mit dem Gewichtheben anzufangen.

Auch diese Art von Training und das dabei entstehende Körpergefühl hat bei mir direkt von Anfang an gezündet und ab dann trainierte ich wöchentlich dreimal Gewichtheben und dreimal Karate, und es war phantastisch! Seit dieser Zeit ist das oft tägliche Training ein fester Bestandteil meines Lebens.

Die tägliche Begegnung mit sich selbst

Schon zu Beginn meiner Trainingssucht erkannte ich den unschätzbaren Wert, den eine gute Trainingseinheit haben kann. Ich konnte mir dadurch ein besseres Körpergefühl machen, dazu brauchte ich nichts und niemanden außer mich selbst. Es kostete kein Geld und auch keine Überwindung, ich konnte es jederzeit durchführen und auch schon wenige Minuten mit „simplen“ Übungen, wie Kniebeugen und Liegestützen reichten aus, um ein so fantastisches Körpergefühl zu erzeugen und mich mit mir selbst und meinem Körper in Kontakt zu bringen.

Das Training ermöglichte es mir, mich selbst zu fühlen, mir selbst zu begegnen und in meine Mitte zu gelangen. Meditation bedeutet in seine Mitte kommen und das Training ist eine besondere Art der Meditation. Meditation in Bewegung sozusagen, Körperarbeit, Bewusstseinsarbeit, eine Möglichkeit sich seiner selbst bewusst zu werden.

Eine Trainingsform, die einem wirklich liegt, einem gut tut und keine „Disziplin“ erfordert, damit man „seinen inneren Schweinehund“ überwinden und sich dazu aufraffen kann, ist ein Segen. Man stärkt und entwickelt dadurch nicht nur seinen Körper, sondern auch seinen Geist. Der Verstand kann sich beruhigen, da sich der Fokus beim Training automatisch auf bzw. in den Körper richtet. Training ist ideal, um abzuschalten, sich neu zu sortieren und um aus dem Kopf in den Körper zu kommen und sich zu erden.

Dampf ablassen!

Wie oft habe ich meinen inneren Frieden allein dadurch wieder hergestellt, indem ich mich so richtig schön ausgepowert habe. Miese Tage werden plötzlich strahlend hell, nachdem man in einem kleinen dunklen Raum im Keller eine brachiale Kniebeugeneinheit hinter sich gebracht hat.

Körpertraining ist eine einfache und zugleich gesunde Möglichkeit, angestauten Stress abzubauen.

Ursprünglich hatte der Mensch nur dann Stress, wenn er sich plötzlich in einer lebensbedrohlichen Situation befand, wenn es Leben oder Sterben ging. Ich greife hier auf das häufig verwendete Beispiel mit dem Säbelzahntiger zurück: Hatte der Urmensch das Pech, plötzlich auf einen Säbelzahntiger zu treffen, dann stellte sich sofort maximaler Stress ein.

Der Körper wird bei Stress durchflutet von Adrenalin und Cortisol, Puls und Blutdruck steigen an und er befindet sich von jetzt auf gleich im Kampf- und Fluchtmodus. Der Urmensch hatte in diesem Moment volle Energie, um vor dem Säbelzahntiger zu flüchten oder diesen im Kampf zu besiegen.

Bei beiden Aktionen handelte es sich um absolut maximale körperliche Anstrengungen. Danach war der Grund für den Stress normalerweise beseitigt: Entweder konnte man erfolgreich vor dem Säbelzahntiger flüchten und war dann in Sicherheit oder man besiegte ihn und das Problem war ebenfalls gelöst. Oder man wurde gefressen und auch dann war der Stress vorbei.

In der heutigen Zeit herrscht Dauerstress, bei jedem auf irgendeine Art und wir lassen zu selten wirklich Dampf ab und senken dadurch den Stresshormonlevel im Körper. Regelmäßiges Training ist eine ideale Möglichkeit, um sich von angestautem Stress zu befreien. Die Anstrengung beim Training triggert dieselben Mechanismen in unserem Körper wie die Flucht oder der Kampf mit dem Säbelzahntiger und danach stellt sich die Entspannung von selbst ein. Deshalb: Wer täglich Stress hat, sollte täglich trainieren.

Das Trainingstagebuch

Ein guter Freund hat mal gesagt, wenn man alle meine bisherigen Trainingstagebücher übereinander stapeln würde, dann würde dieser Stapel bis unters Dach reichen. Nun, ich habe es nie ausprobiert, aber ich führe Trainingstagebücher seit mich mit dreizehn die Trainingssucht überkam. Das hatte schon zu Beginn den Sinn, dass ich immer wusste, was ich die letzten Tage bis Wochen so gemacht hatte und dann einen Überblick bekam, was für mich gut funktionierte und was nicht.

Ich notierte nicht nur die Übungen, die Anzahl der Sätze und Wiederholungen und beim Hanteltraining die Gewichte, sondern auch, wie ich mich fühlte, vor allem nach dem Training. Ich schrieb auch auf, welche Erkenntnisse mir zuteil wurden, z. B. wie ich welche Übung am besten ausführe, damit sie sich für mich optimal anfühlt oder welche Wiederholungsbereiche mir das beste Gefühl vermittelten.

Auch wie ich mich ernährte und was gerade so in meinem Leben passierte, schrieb ich auf, und über die Jahre wurde mir klar, dass ich dadurch einen Gesamtüberblick über mein Leben bekam. Man vergisst so vieles und durch regelmäßige Notizen, selbst wenn es nur Stichworte sind, ergibt sich eine ganz andere Draufsicht.

Ich führe natürlich immer noch Trainingstagebücher, die man mittlerweile allerdings eher als Logbücher für meinen gesamten Tagesablauf ansehen könnte, auf jeden Fall was Ernährung, Bewegung, Training und förderliche Maßnahmen und Anwendungen wie Einläufe und Leber-Galle-Reinigungen usw. betrifft.

Und ich kann jedem, der trainiert, ernsthaft empfehlen, ein Trainingstagebuch zu führen und dort auch kleine Notizen über die aktuellen Geschehnisse einzutragen. Wer nicht trainiert, sollte unbedingt damit anfangen und dann ein Trainingstagebuch führen.

Auch Informationen, wie selbst gesetzte Ziele, ob diese erreicht wurden, ob eine Übung Schmerzen verursacht hat usw., gehören ins Trainingstagebuch. Ich schreibe übrigens nach wie vor ganz klassisch auf Papier und werde das auch weiterhin tun. Ein von Hand geschriebenes Trainingstagebuch lässt sich nicht mir irgendeiner App vergleichen!

Man bleibt ständig in Bewegung

Wer wirklich trainingssüchtig ist, braucht sich nicht zu motivieren, um Sport zu treiben oder mal wieder etwas für die Figur zu tun, da bald die Freibäder aufmachen. Trainingssüchtige können es kaum erwarten, bis es endlich losgeht und bis man sich beim Training das Belohnungszentrum stimulieren kann. Deshalb ist eine gepflegte Trainingssucht auch ein Garant, dass man in Bewegung bleibt, denn „wer rastet der rostet“.

Das Problem ist hier allerdings, zumindest bei mir, dass ich gerne mal ein wenig zu viel des Guten mache und mich maßlos überstimuliere. In einem solchen Fall besteht die eigentliche Kunst und Disziplin darin, sich zu mäßigen. Auch dazu kann übrigens das Trainingstagebuch dienlich sein, denn damit bekommt man einen Überblick, wie viel man wirklich trainiert.

Im Laufe der Jahre habe ich ein breites Spektrum an Bewegungs- und Trainingsformen ausprobiert und ich kann nur jedem empfehlen sich nicht immer nur auf eine Sache zu beschränken, da es sonst über die Jahre langweilig werden kann. Seitdem ich damals begann, dem Training zu frönen, hat mich meine Odyssee zu einigen spannenden und exotischen Bewegungskünsten geführt und je mehr Erfahrung man mit seinem Körper in unterschiedlichen Bewegungssystemen macht, desto mehr „Querverbindungen“ entstehen.

Man wird immer besser mit dem eigenen Körper und das Nervensystem lernt immer mehr einzelne „Skills“ aus verschiedenen Trainingsformen miteinander zu verbinden und es entstehen tatsächlich immer mehr Querverbindungen in unseren motorischen Gehirnarealen. Allround is King! Und je breiter die Basis ist, die man sich an körperlichen Fertigkeiten und Bewegungsmöglichkeiten aneignet, desto besser wird man auch in den einzelnen Disziplinen, die Erfahrung mache ich jedenfalls.

Ich kann jedem empfehlen, der eine Sportart oder Trainingsform extrem betreibt, auch immer mal wieder andere Sachen zu testen: Jonglieren, Balancieren (z. B. Slagline), Akrobatik, Handstand, Kampfkünste und Kampfsport, Tanzen, Sportklettern, Yoga, Pilates, Spielsportarten usw.

Die dunkle Seite der Sucht

Nun kommen wir zu den Schattenseiten der Trainingssucht, die ich weder verschweigen noch beschönigen möchte. Trainingssucht ist eine waschechte Sucht, wie jede andere Sucht auch. Sucht kommt von suchen, sagt der Volksmund und man sucht dabei wirklich etwas: Das gute Gefühl, die Bestätigung, den Erfolg und vieles mehr. Sobald sich diese ersehnten Dinge jedoch nicht einstellen, wenn man sozusagen eine Trainingseinheit in den Sand gesetzt hat, dann kann es ganz schön übel werden.

Wie oft hätte ich alles, aber auch wirklich alles wegwerfen können, weil mein Training nicht so war, wie ich es wollte. Es gibt Tage, da hat der Körper wenig Lust auf Training, der süchtige Verstand, bzw. das süchtige Belohungszentrum beschließt aber dennoch eine anständige Einheit zu absolvieren. Schließlich geht es um die tägliche Dosis Glücksgefühle und die kann man sich in dieser Form nur durch ein gutes Training bescheren.

Ich habe meinen Körper ungezählige Male gezwungen und gemartert, gepeitscht und geknüppelt und versucht mit aller Gewalt das gewünschte Ziel – die ein gutes Training aufkommenden Glücksgefühle – rauszupressen.

Als Kraftsportler wird man leicht süchtig nach Zahlen und das persönliche Glück kann dann abhängen von Sätzen, Wiederholungen und persönlichen Bestleistungen. Fünf Kilogramm mehr oder weniger auf der Stange können über Gut und Böse entscheiden!

Wenn ich es nicht geschafft habe, mich regelmäßig bei meinen Hantelleistungen zu steigern – vor allem dann, wenn ich es vorher beschlossen hatte –, war mein Tag im Eimer!

Die Sucht lässt einen allerdings sofort nach neuen Lösungen suchen, nach neuen Trainingsprogrammen, Übungen, Büchern usw. Ich habe, glaube ich, in den vergangenen 25 Jahren alle gängigen und exotischen Trainingssysteme getestet, die der Mark so hergibt und oft wollte ich mir selbst beweisen, dass es funktioniert, schließlich hat die Kraftsportgröße XY damit die besten Resultate erzielt.

Was dann passiert, kann man sich vielleicht denken. Weit weg vom eigenen Körpergefühl, dem „guten Gefühl“, quält man sich durch Übungsabfolgen, die man einfach stupide befolgt, in der Hoffnung, die „versprochenen“ Resultate stellen sich ein, und wehe wenn nicht.

Willkommen in der Welt des Schmerzes

Wenn das Training zum Zwang wird und man bereit ist, den eigenen Körper zu opfern für äußere Leistungen, begibt man sich früher oder später in die Welt des Schmerzes. Raubbau führt selten zu positiven Ergebnissen und wenn der Körper „Nein“ schreit und ich ihn mit aller Gewalt gezwungen habe, kam es nicht selten zu Verletzungen.

Ich erinnere mich, wie ich schon kurze Zeit, nachdem ich mit dem Krafttraining begonnen hatte, Wasser im Knie ansammelte, weil ich mir trotz Schmerzen unbedingt an der Beinpresse etwas beweisen musste. Mehrere Trainingseinheiten in Folge habe ich das Knie vergewaltigt, bis es eines morgens so dick wie eine Honigmelone war und selbst minimales Beugen einen stechenden Schmerz verursacht hat, der durch Mark und Bein ging.

Über die Jahre ist einiges zusammengekommen an selbst verschuldeten Verletzungen und Überlastungserscheinungen und es ist kein Zufall, dass ich einen therapeutischen Beruf gelernt habe. Aus eigenen Verletzungen kann man ganz schön viel lernen und man entwickelt zwangsläufig eine besondere Empathie für Schmerzen.

Was habe ich bislang daraus gelernt?

Seit ich der Trainingssucht verfallen bin, habe ich sehr viel über mich selbst erfahren. Ich bin zum Fanatiker geworden und habe mich in Bereiche begeben, in die man eben nur als Fanatiker gelangt, und wenn man es schafft, dort zu überleben und wieder einigermaßen raus zu kommen, kann man auf die ein oder andere tiefgründige Erkenntnis blicken.

Mir ist über die Jahre so einiges klar geworden, in erster Linie, dass das, was man tut, einem gut tun sollte. Alle Formen von Übertreibung werfen einen eher zurück als, dass sie einen nach vorne bringen.

Beim Training sollten wir lernen, auf den Körper zu hören und im Zweifelsfall lieber weniger als zu viel machen. Ich fühle mich unausgefüllt, wenn ich nicht jeden Tag trainiere, merke aber, dass ich dauerhaft mit drei bis vier wöchentlichen Trainingseinheiten viel besser voran komme. Weniger ist mehr, das weiß ich schon länger, aber mich danach zu richten, ist nicht immer leicht. Hier ist es gut, wenn man auf andere Dinge zurückgreifen kann, die einen begeisterten, Dinge auf die man sich an trainingsfreien Tagen konzentrieren kann.

Ich finde es nach wie vor gut und wichtig, sich jeden Tag zu bewegen, aber zwischen Bewegung und Training gibt es einen großen Unterschied. Das Training hat lediglich die Aufgabe, etwas in unserem Körper zu stimulieren, um Prozesse in Gang zu setzen, die auf der zellulären Ebene eine Veränderung, wie Fettverbrennung, Muskelaufbau usw. hervorrufen. Das optimale Maß an Stimulation führt zu optimalen Ergebnissen, mehr bringt nicht mehr, sondern weniger. Sobald die notwendige Stimulation erfolgt ist, ist das Training vorbei.

Natürliche Bewegung hingegen hat nicht den Sinn etwas zu stimulieren, sondern gehört zu den Funktionen und Bedürfnissen unseres Bewegungsapparates. Natürlicher Bewegung sollten wir jeden Tag nachgehen in Form von Spazierengehen, Wandern, lockerem Laufen, Tanzen, Kampfkunst, Yoga usw. Deshalb empfehle ich jedem, sich noch andere Stützen zu suchen als Training.

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