Alte Muster erkennen & überwinden

Ich weiß nicht, ob es Ihnen ähnlich geht, ich werde jedenfalls in den letzten Ta­gen sehr stark mit meinen gewohnten Verhaltensmustern konfrontiert. Und ganz ehrlich, was ich mir da ansehen muss, gefällt mir ganz und gar nicht.

Immer wie­der gerate ich denselben Kreislauf, den Bitten und Erwartungen anderer gerecht werden zu wollen. An sich eine Tendenz, die viele von uns haben und ja auch ir­gendwie verständlich ist. Die meisten von uns legen schließlich insgeheim sehr viel Wert darauf gemocht zu werden und gut dazustehen.

Das Schlimme bei mir finde ich jedoch, dass ich irgendwie darauf programmiert bin, vor allem Bekannten, also Menschen, die mir nur wenig nahe stehen, alles Recht machen zu wollen, selbst wenn es auf Kosten meiner Selbst oder von engs­ten Mitmenschen geht.

Ich scheine dabei leider auch dazu zu neigen, selbst indirekte Bitten, die ja nie­mand direkt stellen würde (weil man ja auch nicht fordernd, egoistisch oder rück­sichtslos erscheinen mag) heraus zu hören und sie dem anderen dann noch in den Mund zu legen.

Etwa wie im folgenden Beispiel:
Eine Bekannte sagt: „Ach ich müsste ja eigentlich noch in die Stadt Blumen kau­fen gehen, aber mein Tag ist schon wieder so vollgepackt mit Dingen. Fährst Du vielleicht heute zufällig noch in die Stadt?“

Viele würden die hierin implizit enthaltene Bitte entweder überhören oder ein­fach sagen, dass sie heute nicht mehr in die Stadt kommen. Mir jedoch fällt es verdammt schwer Aussagen wie dieser Stand zu halten, selbst wenn meine Be­dürfnisse entgegen stehen. Denn bei mir kommt an: „Könntest du mir vielleicht die Blumen besorgen gehen? Das wäre wirklich allerliebst.“

Ich höre also eine Bitte, obwohl das vielleicht ja noch nicht mal die Absicht des Sprechers war. Und selbst wenn ich nicht vorhatte, an diesem Tag noch in die Stadt zu fahren, bin ich dann aufgrund meiner Programmierung versucht, meinen Tag so hin zu biegen, dass es für den anderen passt. Auf Dauer bleiben so meine Bedürfnisse und Angelegenheiten natürlich auf der Strecke. Und ich hasse mich dafür.

Doch das Allerschlimmste:
Anscheinend ziehe ich durch diese Prägung auch noch genau solche Leute an, die es darauf anlegen, in dieser Weise ihre Wünsche zu kommunizieren. Es ist ja schön bequem seine Bitten nicht klar äußern zu müs­sen, denn was der andere von sich aus anbietet, hat man schließlich nicht selbst gefordert und niemand kann behaupten, man wäre unverschämt. Für diese Feig­heit hasse ich dann natürlich den anderen. Denn mir fällt es viel leichter auf klar ausgesprochene Bitten mit einem „Nein“ zu reagieren, als auf solche versteckten Botschaften.

Ein Kreislauf, bei dem ich nicht länger mitspielen möchte – meiner Gesundheit, meinem Wohlbefinden und auch meinem nächsten Umfeld zuliebe. Und daher habe ich beschlossen, immer weniger auf solche impliziten Bitten zu reagieren. Und wissen Sie, was dann passiert ist? Die betreffenden Personen fühlen sich auf einmal von mir vor den Kopf gestoßen, denn schließlich funktioniert ihre ge­wohnte Strategie bei mir nicht mehr. Da bekommen die natürlich erst mal Wut auf mich. Doch da muss ich dann wohl einfach durch. Wie sonst hat der andere auch eine Chance selbst zu erkennen, welches Spielchen er da spielt.

Meine Lernaufgabe:
Disharmonie aushalten lernen; akzeptieren, dass Missstimmungen entstehen kön­nen; Konflikte aushalten – gerade auch im entfernteren Bekanntschaftskreis, so heißen meine momen­tanen Lehraufgaben. Wirklich nicht leicht für mich, die doch immer und überall so lieb und nett sein möchte.

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