Sich selbst verzeihen

Haben Sie schon mal etwas getan, dass sie aus tiefem Herzen heraus bedauern? Etwas, das Sie heute nicht mehr wiederholen und am liebsten ungeschehen ma­chen würden? Dann kennen Sie sicher auch das unangenehme Gefühl von Schuldvorwürfen und Selbstzweifeln.

Schuldgefühle sind überflüssig und schaden nur
Dabei können Schuldgefühle vergangene Handlungen auch nicht mehr ungesche­hen machen. Im Grunde genommen sind sie völlig überflüssig und schaden uns sogar. Sie schlagen auf unser Gemüt und unseren Selbstwert. Doch wie können wir diese Gefühle hinter uns lassen? Leicht fällt das nicht, wenn wir im Glauben an Strafe und Belohnung aufgewachsen sind und wenn auch vielleicht nur unbe­wusst die Vorstellung eines strafenden Gottes oder eines jüngsten Gerichts verin­nerlicht haben.

Durch Schuldgefühle sich selbst bestrafen
Haben wir etwas getan, obwohl unsere Vorstellungen von Moral und Ethik entge­genstehen, dann können Schuldgefühle ein Versuch sein sich selbst zu bestrafen. Sie sind dann der klägliche Versuch seine Schuld abzubüßen und damit der „Höl­le“ zu entgehen. Doch vermutlich gibt es gar kein jüngstes Gericht, keinen Gott, der unsere Taten in „gut – schlecht“ oder „richtig – falsch“ einteilt, sondern allein unser eigenes Gewissen, dem wir zu Rechenschaft verpflichtet sind. Um aus dem Teufelskreis von sich selbst herunter ziehenden Schuld- vorwürfen und -verurtei­lungen heraus zu kommen, hilft es daher sich selbst zu verzeihen.

Wenn das Gewissen erwacht
Natürlich ist es alles andere als schön sich einzugestehen einen „Fehler“ began­gen zu haben. Vielleicht sogar etwas getan zu haben, womit man sich selbst oder anderen geschadet oder Leid zugefügt hat. Doch um das Vergangene zu ändern, ist es nun zu spät und auch Vorwürfe bringen weder uns selbst noch andere wei­ter.

Besser und wahrhaft sinnvoll ist es dann sich mutig anzusehen, was man jetzt bereut. Sich die Konsequenzen seines Verhaltens vor Augen zu halten und die Bereitschaft aus so genannten „Fehlern“ zu lernen. Sie dienen uns lediglich als Lehrmeister für unsere weitere Entwicklung. Wenn Sie ab sofort beschließen in entsprechenden Situationen anders zu handeln und bereit sind Verhalten, Denken und Fühlen zu ändern, dann können Sie dem vergangenen Geschehen sogar dankbar sein. Schließlich dient es uns heute als Motor über uns selbst zu reflek­tieren und uns gegebenenfalls zu wandeln.

Verzeihen heilt und transformiert
Wenn Ihr Entschluss steht, künftig derartige Wiederholungen zu vermeiden, dann sollte es Ihnen nicht mehr allzu schwer fallen, sich selbst zu vergeben und verzei­hen. Kein Mensch ist vollkommen, und kein Mensch ist perfekt. Wir alle sind das Produkt unserer Erziehung, Kultur und Gesellschaft mit den daraus resultieren­den Konditionierungen. Das einzige, was wir tun können, ist sanftmütig mit uns umzugehen und immer mehr nach Vervollkommnung zu streben – was immer das auch für jeden einzelnen von uns bedeuten mag.

Den, den wir mit Schuldgefühlen bestrafen, den gibt es nicht mehr
Vielleicht hilft Ihnen Folgendes Schuldgefühle hinter sich zu lassen: Den, den wir mit Schuldgefühlen bestrafen, den gibt es heute gar nicht mehr. Sowohl unser physischer Körper als auch unser Denken und Fühlen unterliegen einem dauernd stattfindenden Wandel.

Finger-, Fußnägel und Haare wachsen, Wunden schließen sich, Prellungen ver­schwinden, Zerrungen und Knochenbrüche heilen. Unser Organismus ist wahr­lich ein wahres Transformationswesen. Nach einigen Jahren haben sich sogar die Zellen aus Organen und Knochen vollständig ausgetauscht. Es ist daher nur eine Frage der Zeit, bis wir ein anderer geworden sind, weil unser Körper aus anderen Zellen besteht als zum Zeitpunkt unseres „Fehlverhaltens“.

Zudem sammeln wir im Laufe der Zeit auch neuartige Erfahrungen, woraus neue Erkenntnisse entstehen. Überzeugungen und Meinungen aus vergangenen Ta­gen scheinen als überholt oder zu eng und werden durch neue ersetzt. Auch unser Denken unterliegt einem ständigen Wandel.

Streng genommen existiert derjenige, der wir damals waren, heute überhaupt nicht mehr. Und wie könnte es Sinn machen, jemanden zu beschuldigen und be­strafen, der längst vergangen ist?

Sich reflektieren, annehmen und wandeln
Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, mir gefällt diese Vorstellung und sie hat mich inspiriert, meine vergangenen Handlungen neu zu betrachten. Dadurch ist es mir leichter gefallen zu mir selbst zu sagen: „Ja, das und das habe ich damals getan. Ich bin zwar nicht stolz darauf, doch ich weiß, dass ich weder zum damaligen noch zum heutigen Zeitpunkt vollkommen war/bin. Und mir ist bewusst, dass ich dadurch wertvolle Erfahrungen gewonnen habe und heute anders handeln werde.

Ich bin heute nicht mehr die von damals und morgen werde ich nicht sein, wer ich heute bin. Denn Leben heißt Wandel und Streben nach Wachstum. In diesem Wissen verzeihe ich mir von ganzem Herzen und bin dankbar, dass die Macht und Kraft mir innewohnt, meine künftigen Entscheidungen aufgrund eines erwei­terten Horizonts zu treffen.“

In diesem Sinne: Stehen wir zu dem, was wir getan haben, lernen wir daraus, ver­zeihen wir uns und wandeln wir uns selbst – für unser eigenes Wohlergehen und das unserer Mitmenschen.

Bildrechte: © Susi Berk Schuldgefühle hinter sich lassen

 

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