Müssen Sie noch oder dürfen Sie schon?

Wahrscheinlich wissen Sie aus eigener Erfahrung, dass es wenig Spaß macht et­was zu tun, das man meint tun zu müssen. Meist ist es sogar schlimmer. Wenn wir etwas tun, weil wir meinen, es werde von uns erwartet, wir uns verpflichtet oder dazu genötigt fühlen, empfinden wir Abneigung und erledigen das, was wir tun mit Widerwillen. Das nimmt uns nicht nur die Freude an unserer Handlung, sondern macht uns auch empfänglich für unschöne Gedanken und Ge­fühle.

Doch nicht nur wir selbst leiden. Menschen, die etwas tun, weil sie meinen sie sollten oder müssten, neigen dazu sich zu beklagen, zu jammern oder ihren Frust an anderen auszulassen. Überlegen Sie einmal wie Sie bei Tätigkeiten reagieren, die Ihnen zwar keinen Spaß machen, Sie sich aber dazu verpflichtet oder ge­drängt fühlen. Oft fühlen wir uns schon davor schlecht, haben währenddessen un­gute Laune und sind damit weder für uns noch für unser Umfeld eine Bereiche­rung.

Wenn Sie also mehr Wohlbefinden in Ihr Leben ziehen möchten und auch andere dabei unterstützen möchten sich gut zu fühlen, sollten Sie die Wörter müssen und sollen nicht nur aus Ihrem Sprachgebrauch, sondern auch aus Ihrem Denken streichen. Das mag ungewöhnlich klingen, ist aber nicht unmöglich.

Ich muss aber …
Nicht selten löst so der Gedanke diese Worte hinter sich zu lassen Unsicherheit aus. Wie sollen wir auf ein Wort verzichten, dessen Realität existiert? Es gibt nun mal Dinge, die getan werden müssen. Das können wir doch nicht leugnen. Als Hausfrau hat man für die Familie zu sorgen, muss kochen, putzen, waschen und sollte außer­dem stets ein offenes Ohr für die Bedürfnisse der Familie haben. Schüler müssen ihre Hausaufgaben machen und für Prüfungen lernen, Rechnungen müssen be­zahlt werden und auf die Gesundheit sollte man auch achten.

Viele von uns sind der Überzeugung, dass es eben nun mal Tätigkeiten gibt, die keinen Spaß machen und dennoch verrichtet werden müssen. Sie befürchten, dass ungeliebte Dinge auf der Strecke bleiben und Chaos ausbrechen könnte, wenn sich niemand mehr für etwas verpflichtet fühlen würde. Der Haushalt wür­de in Unordnung ersticken, die schulischen Leistungen würden sinken und Moral und Werte über Bord geworfen werden. Die Verwendung von man-muss und man soll Denkmustern wird daher als gerechtfertigt angesehen.

Und natürlich gibt es viele Dinge, bei denen es schade wäre, würden sie nicht er­ledigt. Doch ist die Existenz von Wörtern wie „Müssen“ und „Sollen“ ein Garant für das Erledigtwerden von Dingen, die keinen Spaß bereiten? Immer wieder gibt es Menschen, die sich darüber erheben, was Gesellschaft, Normen und Struktu­ren von ihnen erwarten und drehen ihr eigenes Ding. Solche Menschen stellen unser Weltbild von müssen und sollen ganz schön auf den Kopf, indem sie ein­fach tun was ihnen passt und nicht, was man von ihnen erwartet. Letztendlich kann man niemanden zu etwas zwingen und wenn man es doch tut, was hat man schon davon? Der andere fühlt sich unseretwegen schlecht und wird uns das frü­her oder später spüren lassen.

Müssen und Sollen beschränken unsere Wahlfreiheit
Müssen
und Sollen sind der Grund dafür, wieso immer Menschen die Freude am Leben verlieren. Zu groß wird der Bereich, der getan werden muss. Schon die Kleinsten unter uns müssen morgens mit dem Wecker aufstehen, Fremdsprachen lernen und sollen Musikunterricht haben. Je älter wir werden desto mehr wird von uns gefordert und erwartet. Der Raum für freie Entscheidungen und ein krea­tives Fließen-lassen wird immer kleiner.

Wenn wir aus Freude heraus tun und nicht aus einem Muss-Gefühl heraus, be­schert uns das Lebensgenuss und Leichtigkeit, statt Widerwillen und Schwere. Indem wir müssen und sollen hinter uns lassen, können wir diesen Raum des freudigen Tuns wieder zurückerobern.

Wieso tun wir eigentlich, was wir tun?
Und das geht ganz einfach, indem wir die Perspektive wechseln. Statt uns auf das Muss oder Sollte zu konzentrieren, können wir den schönen Aspekten Beachtung schenken, die mit unserem Tun einhergehen. Denn wieso tun wir denn die Dinge, die wir meinen tun zu müssen? Was gibt uns den Auftrieb selbst etwas zu tun, das keinen Spaß bereitet?

Alles hat bekanntlich zwei Seiten. Hinter jeder Pflicht liegt ein Nutzen verbor­gen. Wenn ich aufräume, herrscht hinterher Ordnung und ich fühle mich wohler, wenn ich mich hinsetze um für die Prüfung zu lernen, steigt die Wahrscheinlich auf gute Ergebnisse und wer die Rechnung für die Miete zahlt, der sichert sich das Dach über den Kopf für den nächsten Monat. Und sei es auch nur, dass ich etwas tue um unangenehmen Konsequenzen aus dem Weg zu gehen. Ich tue es, weil ich den Nutzen dahinter erkenne. Indem wir uns auf diesen Nutzen ausrich­ten, den unser Tun bringt, gelingt uns sehr leicht uns freier nützlicher und eindeu­tig besser zu fühlen, als wenn wir denken einer muss es ja tun.

Wenn Sie also nun das nächste Mal bemerken, dass Sie etwas tun, das Sie meinen tun zu müssen oder zu sollen, dann könnten Sie diese Gelegenheit nutzen um zu überlegen, was sie davon abhält es nicht zu tun. Was hindert Sie daran nicht an­ders zu handeln? Wieso tun Sie also diese Arbeit? Wofür ist sie sinnvoll? Was wird dadurch erreicht und wer hat einen Nutzen davon?

Anstatt über die zugegeben nicht gerade leichte Aufgabe zu klagen, täglich eine Mahlzeit zu kreieren, die gesund und lecker für jedes Familienmitglied ist, könn­ten wir uns darauf konzentrieren, wie schön es sich anfühlt ein nährendes Mahl für die Familie zuzubereiten. Statt über das Bezahlen von Rechnungen zu klagen, könnten wir daran denken, welche Dinge wir uns mit dem Geld ermöglichen. Wir können uns vorstellen wie erleichtert und befreiter wir uns fühlen, wenn unange­nehme Dinge wie der Abwasch, die Hausarbeit oder die Reparaturen erledigt sind.

Dadurch gelingt es uns viel eher selbst an diesen Dingen mehr Freude zu empfin­den und wir fühlen uns einfach besser. Wir erkennen, dass wir zumindest eine Wahl haben und freuen uns auf das Ergebnis unseres Tuns. So gelangen wir Schritt für Schritt in eine Richtung, in der Wörter wie müssen oder sollen immer mehr an Bedeutung verlieren und wir wieder offener werden für das Geschenk der Wahlfreiheit, das wir haben.

Testen Sie einmal selbst, welch einen Unterschied es Ihrem Wohlbefinden macht, wenn Sie sich absofort auf die Ergebnisse Ihres Tuns konzentrieren, also das, was es Ihnen oder anderen bringt, statt weiter am Gefühl des Sollens oder Müssens zu haften.

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