Über Trainingstipps für den modernen Westler von heute und Vorteile chinesischer Trainingsmethoden

Jens Sprengel: Du hast mir erzählt, dass Du jeden Tag trainierst und auch gerne Mini-Einheiten über den Tag verteilst. Ist in China auch tägliches Training üblich oder gibt es auch Pausentage?

Teil 1>>

Frank Rudolph: Tägliches Training ist Pflicht. Und doch ist es in China so, wie überall heute. Die meisten haben gar nicht mehr die Zeit für ein tägliches und schon gar nicht für ein klassisches Training. Jene, die klassische KK betreiben, üben täglich. Das sind aber nur noch wenige. Auch Chinesen unterliegen der menschlichen Anatomie. Aber das klassische Training verschleißt den Körper nicht. Nur ist es sehr zeitintensiv. Daher passt man sich in China auch der Moderne an.

Ich arbeite seit 20 Jahren in wahrhaft schlecht bezahlten Jobs, die mir jedoch meist die zeitliche Möglichkeit zum Training bieten. Man muss wissen, was man will, und benötigt vielleicht auch einen Partner, der hier mitzieht – oder es zumindest versteht.

Jens Sprengel: In TuR lautet die Empfehlung ja auch, sich einige der vorgestellten Übungen auszusuchen und diese ins tägliche Training zu integrieren. Du empfiehlst also allgemein täglich zu trainieren?

Frank Rudolph: Ja, ich empfehle und praktiziere das so. In China gibt es ein passendes Sprichwort: yītiān bù liàn, tiān hé zìjǐ zhīdào, liǎng tiān bù liàn, nèi háng rén zhīdào, sān tiān bù liàn, wàiháng rén zhīdào (chin. 一天不練, 天和自己知道. 兩天不練,內行人知道. 三天不練, 外行人知道) – Trainiert man einen Tag nicht, wissen es nur der Himmel und man selbst. Trainiert man zwei Tage nicht, wissen es auch die Experten (der Kampfkunst). Trainiert man drei Tage nicht, wissen es auch die Laien.

Das ist nicht nur ein Spruch. Das ist ernst gemeint. Das klingt jetzt komisch, aber ich sehe sofort, ob jemand trainiert oder nicht, selbst wenn derjenige nicht wie der Hulk aussieht.

Jeder Körper benötigt Ruhe. Aber ich empfehle auch nicht im Alter von 50+ noch 8 Stunden täglich zu trainieren, jedenfalls nicht am Stück. Ich rate dazu, auf die eigenen Befindlichkeiten zu hören. Kleine Schritte beim Training. Bei schweren Tagen, einem harten Job o.a., am Besten vor der Arbeit. Oder zwischendurch. Einfach ein paar Übungen.

Ich komme nicht immer dazu und trainiere manchmal auch in der Nacht. Falls keine Zeit verfügbar ist, 20 Minuten und überschaubare Programme. Keine Herz-Kreislauf-Techniken. Habe ich nur wenig Zeit, dann übe ich Techniken. Das tägliche Üben ist weniger oder nicht nur eine körperliche Angelegenheit. Der Kopf soll stets bei der Sache sein.

KK ist ein immerwährender Prozess. Weißt du, was pathologisch ist: Man kommt (z.B. als Polizist) nach Hause und ist dann Privatmann. Und Angreifer sehen diese Energie und schlagen dann zu. Das tägliche Training soll dich dazu befähigen, immer bei der Sache zu sein. KK ist keine Laune, es ist kein Spiel, es ist ein immerwährender Prozess.

Tiefe Parade Frank Rudolph

Jens Sprengel: Wie beginnst Du Dein Training, machst Du bestimmte Aufwärmübungen oder trainierst Du, von jetzt auf gleich in den vollen „Kampfmodus“ übergehen zu können? Praktisch, wie es im Ernstfall auch benötigt wird.

Frank Rudolph: Ich trainiere schon sehr lange. Mein Körper ist im Grunde immer sofort da. Wenn ich genug Zeit habe, übe ich ein gōng (chin. jīběngōng 基本​功). Habe ich nur wenig Zeit, arbeite ich an dem Aspekt, der mir wichtig ist.

Seit einer Weile gehe ich einen anderen Weg. Ich fahre mit dem Rad an einen meiner Trainingsplätze im Wald. Die liegen zwischen 20 und 40 Fahrminuten von der Wohnung weg. Ich bin dann meist schon vollkommen bereit und lege gleich los. Inzwischen schleppe ich einen Haufen Zeugs mit und die Fahrt ist manchmal echt schwer 🙂

Trainiere ich in Räumen, fange ich manchmal mit yoga an oder einem ähnlichen gōng und gehe dann zu den eigentlichen Programmen über. Aber ich experimentiere recht viel. Bewegungen aus anderen Schulen habe ich in meine Programme aufgenommen, so z.B. die Ginga-Bewegung aus dem Capoeira.

In China ist es unerlässlich, ein gōng als Grundlage zu nutzen. Das ist der größte Unterschied zum Westen. Das bāduànjǐn (chin. 八段锦), die Übung der acht Brokate, wurde vermutlich vom General Yuè Fēi (chin. 岳飛) im 12. Jahrhundert als gōng für das xíngyìquán (chin. 形意拳) geschaffen oder den Stil der Adlerfaust. Und das trifft auf viele KK zu, wenn auch nicht auf alle.

Das gōng soll den Körper auf die eigentlichen Techniken und auf das Kampftraining vorbereiten. Daher sind viele gōng sehr hart und meist härter als alles, was es sonst noch an Arbeiten gibt. Die Kampftechniken sind daher eine „Art Abfallprodukt“. Man kann sie leicht bewältigen. Wenn man das gōng weglässt, werden die eigentlichen Techniken zum Maßstab und haben dann weniger Kraft und weniger Wirksamkeit. Doch das braucht Jahre, um diesen Aspekt zu meistern und hört eigentlich nie auf.

Jens Sprengel: Ihr schreibt in TuR, dass die wichtigsten Übungen der Reiterstand, der Handstand und die chinesische Dehnung sind.

Der Reiterstand (Mabu) war mein Einstieg in das Kampfkunst- und Gongtraining. Der Reiterstand trainiert das „Untergestell“, sprich die Beine und Hüften und stellt eine ausgezeichnete isometrische Kraftübung dar!

Wie sollte sich ein Anfänger den Mabu trainieren? Und würdest Du Mabu täglich trainieren oder dazwischen pausieren wegen der muskulären Regeneration?

Frank Rudolph: Das kommt auf den Leistungsstand an. Anfängern empfehle ich, den mǎbù (chin. 馬步) alle zwei Tage. Da wir heute ja höllisch aufpassen müssen, was die Eigenverantwortlichkeit anbelangt, empfehle ich aber einen Arzt oder Therapeuten wegen der körperlichen Befindlichkeiten zu befragen. Am besten jemand, der die Mechanismen und Energien hinter dem mǎbù versteht.

Wären wir im alten China, wäre die Antwort klar. Jeden Tag mǎbù, bis die Stellung keine Belastung mehr darstellt. Der mǎbù soll ohne zeitliche Begrenzung ausgeführt werden können. Das ist das Ziel.

Mit den heutigen Begrenzungen, vor allem zeitlich, ist das meist schwer möglich. Wer schon länger im Training steht und mit Ausdauer-Positionen vertraut ist, kann den mǎbù auch täglich absolvieren. Der menschliche Körper ist sehr widerstandsfähig und lernt schnell. Je jünger man ist und je früher man damit anfängt, desto leichter erlernt man den mǎbù.

Jens Sprengel: Ab welcher Trainingsdauer würdest Du sagen, dass der Mabu effektiv ist? Im Buch erwähnt Ihr eine volle Stunde?

Frank Rudolph: Die meisten Schulen verlangen nur 5 bis 10 Minuten für den mǎbù, wenn er geprüft wird. Das ist aber so, als ob man immer wieder den Motor startet und Vollgas gibt, ohne zu fahren, und dann wieder abschaltet. Der mǎbù soll pro Einheit solange geübt werden, bis man nicht mehr kann – und dann weitermachen. Irgendwann muss man nicht mehr aufstehen, oder wenn man die Stellung verlässt, hat man keine Probleme mehr damit. Eine Stunde oder zwei stellen keinen Unterschied dar.

Maik stand mal 3 Stunden und meinte, er würde nur aufhören, wenn er tot umfallen würde oder der Meister sagte, es sei genug. Es ist eher eine Sache des Kopfes und nicht des Körpers. Aber das Prinzip mǎbù ist auch im Westen bekannt. Vielleicht nicht 1:1, aber der grundsätzliche Gedanke existierte auch in den westlichen Kampfkünsten, vor allem im Fechten.

Es gibt aber auch in China noch andere Übungen, die ähnlich sind, z.B. sāntǐshì (chin. 三體勢), eine der Grundhaltung aus dem xíngyì. So wie die Reiterstellung ist auch diese Position ein gōng. Manche Meister können den ganzen Tag in dieser Position verbringen, was aber nicht unbedingt etwas über die kämpferischen Fähigkeiten aussagt.

Jens Sprengel: Wenn ich den Mabu auf diese Weise trainiere, sollte ich dann auch während der Haltedauer die gesamte Bein-und Hüftmuskulatur isometrisch anspannen? Oder würdest Du den Mabu eher ohne bewusst erzeugte Anspannung trainieren, also so „locker und entspannt“ in der Muskulatur, um möglichst lange halten zu können?

Frank Rudolph: Beim mǎbù wirst Du gar nicht umhin kommen, deine Gedanken auszuschalten. Wenn du eine Stunde eine Spannung halten willst und dann noch darüber nachdenkst, wirst du den mǎbù nicht durchhalten. Wenn Du nur ein paar Minuten übst, dann kannst Du spielen mit Spannungen und Entspannungen.

Jens Sprengel: Du hast mir mal erzählt, dass Du sogar Reiten gelernt hast, um den Mabu besser zu verstehen?

Frank Rudolph: Ich habe Reiten gelernt, um den mǎbù besser zu verstehen, ich habe 2 Semester Internistik absolviert, um mehr über den Körper zu lernen. Es waren nur Schritte. Aber als trockene Fakten steht in der Vita: Zwei Semester Internistik ohne Abschluss. Ich ignoriere Fragen danach oder übergehe sie. Wer denkt wie wir, wird es verstehen, wer urteilt, ist deine Zeit nicht wert.

Jens Sprengel: Eine weitere, sehr gute Übung aus Eurem Buch für das Untergestell ist der herabfallende Zapfen, eine Kniebeugenvariante, bei der die Hüften durchgehend angehoben sind, ähnlich wie „Sissy Squats“ oder „Hindu Squats“.

Geht es bei dieser Übung eher darum, so langsam wie möglich die Bewegung auszuführen und eher weniger Wiederholungen zu machen oder auch eine hohe Wiederholungszahl anzustreben?

Frank Rudolph: Beides ist möglich, sprich langsame Bewegung und eine hohe Wiederholungszahl. Grundsätzlich soll die Bewegung sehr langsam ausgeführt werden. Das wirkt sich dann automatisch auf die Wiederholungs-/Zeitfrage aus.

Der zweite Name: shísǔn-zhōngrǔshí-gōng = Stalagmit-Stalaktit-Gong (chin. 石筍-鐘乳石-功) klärt das auch gut. Es sind sehr langsame Bewegungen nach oben und unten. Wenn man eine Reihe gōng (wie dieses) zu einem Block zusammenstellt und diesen täglich übt, wird eine Wiederholung reichen, da andere Übungen dieses gōng ergänzen.

Jens Sprengel: Mir war, bis ich TuR las, nicht bekannt, dass auch der Handstand bei den chinesischen Kampfkünsten und Gong-Methoden eine so wichtige und essentielle Grundübung war und ist. Man kennt den Handstand vom deutschen Turnen, aus dem Yoga oder dem brasilianischen Capoeira.

Du schreibst, dass der Handstand neben dem Mabu und der Dehnung die wichtigste Grundlagenübung ist. Ihr erwähnt einen alten Meister, der seine Vitalität und Stärke von täglich 5 Minuten im Handstand stehen hat.

Würdest Du den Handstand auch täglich machen und geht es hier darum, die 5 Minuten am Stück zu machen oder als Gesamtdauer?

Frank Rudolph: Den Handstand kann man (nach Konsultation eines Arztes oder eines erfahrenen Sportlers) jeden Tag üben. Wenn man einige Erfahrungen gesammelt hat, wird man herausfinden, wie lange man stehen kann, ohne die Gesundheit zu riskieren. Die Dauer überschreitet aber üblicherweise keine halbe Stunde. Man kann 5-Minuten-Stände in Trainingsblocks integrieren und mehrmals täglich wiederholen.

Auch hier wird die eigene Erfahrung viele Fragen beantworten. Es geht nicht ohne eigene Betrachtungen und vielleicht Notizen. Ein alter Freund von mir von über 70 Jahren steht täglich einige Minuten im Handstand. Aber nicht jeder ist er.

Jens Sprengel: Eine Frage zur chinesischen Dehnung: Du schreibst, dass die chinesische Dehnung auch ein hervorragendes Krafttraining ist. Ich arbeite momentan viel mit isometrischem Krafttraining in maximal gedehnter Position = Loaded Stretching/Extrem Iso Holds und dabei spannt man während der Dehnung die gedehnte Muskulatur zusammen mit den Antagonisten und Synergisten an.

Ist das bei der chinesischen Dehnung auch der Fall? Ich hatte es so gedeutet. Würdest Du hier täglich wechseln, zwischen beispielsweise Vorwärtsspagat und Ausfallschritt?

Interview mit Kampfkünstler Frank Rudolph

Frank Rudolph: Die chinesische Dehnung ist natürlich eine Art isometrisches Training. Ich bin bei weitem nicht so gut wie Maik oder wie jedes x-beliebige zehnjährige chinesische Wushu-Mädchen. Ich bewahre mehr, was ich habe, aber schon nach alten Grundsätzen. Wenn ich mich dehne, wechsle ich zwischen Spannung und Entspannung bei der Position. Für mich bringt das die besten Ergebnisse.

Es gibt einige Aspekte, die in China grundsätzlich in jeder Einheit geübt werden. Das sind die Dehnung, mǎbù und der Handstand. Ich empfehle dir, einen Satz an Übungen, die du zu Programmen abfasst. Programme nur, weil du dann immer was auf Abruf hast, und dich nie fragen musst, was du denn heute mal übst.

Dein grundsätzlicher Leitgedanke soll sein, deine Kampffähigkeit/Gesundheit zu erhalten. Dazu brauchst du Kraft, Schnelligkeit, Flexibilität und Ausdauer. Und was musst du dafür tun, um das zu erhalten. Und hier nimmst du verschiedene Übungen. Die oberste Maxime zieht alles nach sich. Im Grunde kannst du nichts falsch machen.

Jens Sprengel: Wie lange sollte bei der chinesischen Dehnung die Haltedauer sein? Die neusten westlichen Forschungsergebnisse zum Training der Faszien und des Bindegewebes sagen, dass die Haltedauer mindestens 2 Minuten betragen sollte, da das Bindegewebe deutlich länger als die Muskeln simuliert werden muss, damit ein Aufbaureiz entsteht.

Würdest Du 2 Minuten auch für die chinesische Dehnung als Minimum angeben oder deutlich länger?

Frank Rudolph: Hier ist noch ein Unterschied zum Westen. In China wird man mitunter über Stunden in einer Position fixiert. Alle Übungen sind darauf angelegt, immer wieder die beste Leistung abzurufen. In der Lernphase kann die Haltedauer Stunden betragen.

Manchmal werden die Schüler über Nacht z.B. im Spagat an einen Baum gebunden. (Die alten Jackie-Chan-Filme enthalten viel Wahrheit, was das Training anbelangt.) Bei Erwachsenen geht das nicht so gut, doch wenn man sich die Dehnung im Sumo ansieht, sträuben sich einem die Haare. Und dennoch funktioniert es in den meisten Fällen.

Wenn man die Übung gemeistert hat, werden die Positionen nicht mehr lange gehalten. Sie werden während des Trainings angewandt in teilweise übertriebenen Positionen. Und der Laie denkt sich dann: Oh, das ist aber nicht sehr effektiv. So kann man nicht kämpfen.

So soll man ja auch nicht kämpfen. Viele chinesische Übungen sind als gōng zu verstehen und nicht als Kampftechnik. Die guten Kampftechniken sind kurz, schnell, hart und schnörkellos. Innerhalb vieler Formen sind Elemente, die keinen direkte Kampfbezug haben. Sie sind energetischer Natur oder dienen als gōng.

Jens Sprengel: Ich beschäftige mich seit längerer Zeit intensiv mit dem Training des Bindegewebes und der Faszien. Dazu finde ich die meisten Übungen aus „Tigersturz und Ringerbrücke“ extrem wertvoll. Was ich interessant finde ist, dass es bei den chinesischen Trainingsmethoden keine Unterteilung zwischen dem Muskelgewebe und der Faszie zu geben scheint. Haben die Chinesen eine völlig andere anatomische Herangehensweise?

Frank Rudolph: Alles ist eine Einheit. Muskeln und Faszien sind nicht zu trennen. In China gibt es zwar auch Training für bestimmte Aspekte, doch die klassischen Schulen achten stets auf die Einheit. Und im Kampf geht es ja auch nicht anders.

Gesundheit ist an erster Stelle. Das bedeutet aber auch, dass du niemandem erlaubst, dir zu schaden. Was wiederum bedeutet, dass du dich wieder auf das Kampftraining konzentrieren musst. Das Gesundheitstraining ist nicht vom Kampftraining zu trennen.

Schnelligkeit wird in China ambivalent betrachtet. Einerseits geht es ohne Schnelligkeit nicht, andererseits sagt man speziell im Daoismus, dass wer langsam geht, nicht stolpert, also zum Ziel kommt. Allerdings ist hier die allgemeine Schnelligkeit gemeint und nicht die partielle und schon gar nicht die Hast.

2007 war der 1. internationale Faszien-Kongress in Boston. Hier sieht man deutlich, wie groß der Vorsprung Chinas in solchen Dingen ist. Eine Reihe der uralten dǎoyǐn (chin. 導引) gehen auf die Faszien ein.

Jens Sprengel: Ihr erwähnt in TuR auch neben der Dehnung, dem Handstand und dem Mabu weitere Methoden zum Kraftaufbau wie isometrisches Training, Kraftübungen mit dem eigenen Körpergewicht, aber auch Zusatzgewichte. Wie sieht Dein persönliches Krafttraining aus, welche Übungen machst Du am liebsten und wie oft trainierst Du pro Woche den Kraftaufbau?

Frank Rudolph: Meine Programme sind im Grunde immer gleich. Bei nur halbwegs genug verfügbarer Zeit bin ich gar nicht soweit weg von den alten Übungen aus China und Okinawa. Ich splitte die gōng und füge in die Lücken die Techniken, die ich trainieren möchte.

Also ungefähr so: Zuerst etwas jīběngōng, dann arbeite ich einige Aspekte heraus, z.B. Mit dem Hammer (chin. chuígōng錘功). Dies dient mir als Vorübung für alle Stock- und Speer-Techniken. Das wechselt sich dann ab.

Hammer-Stock-Grundlagentraining-Eisenstange-Stock-Grundlagentraining-Hammer-Stock-Grundlagentraining. Und das mache ich so für alle waffenlosen und Waffentechniken. Auf diese Weise entkoppelst du nie einen Aspekt. Alles bildet eine Einheit. Die Kraft wird direkt für den jeweiligen Aspekt bereitgestellt und ist doch nutzvoll für den ganzen Körper.

Zu den Grundlagen gehören dann isometrische Übungen genauso wie Arbeiten mit Gewichten. Habe ich weniger Zeit, arbeite ich z.B. die Genauigkeit heraus, das Gleichgewicht und die Orientierung, also Aspekte, wo man wenig Raum benötigt und ohne alles auskommt.

Jens Sprengel: Westliche Studien besagen, dass man jede Muskelgruppe mindestens 48 – 72 Stunden nach einer intensiven Trainingseinheit ruhen lassen sollte. Wird das in China auch so gehandhabt oder gibt es dort andere Erkenntnisse zur Regeneration nach Krafttraining?

Frank Rudolph: Wenn man das so handhaben würde, gäbe es schlichtweg keinen Profisport mehr. Es wird aber die Gewichtung verlagert. Bruce Lee hat den Westen und Osten sehr gut kombiniert, aber er war nicht sehr, sehr gut trainiert, er war ziemlich gut. Jedoch war er nicht der einzige und auch nicht der Beste seiner Zeit. Ich erwähne den kleinen Drachen, da er auch das Training nach Regionen ausgeübt hat. Typisch westlich.

In China ist aber alles eine Einheit. Da wird nicht separiert. Sind die Beine erschöpft, muss der Willen die Schwäche ausgleichen. Doch die alten Meister wussten ganz genau, dass der Körper Erholung braucht. KK war jedoch zu allen Zeiten eine Sache der Willenserziehung. So ist beispielsweise ein Muskel oder eine Muskelgruppe vollkommen erschöpft. Da jedoch im Kampf auch keiner danach fragt, wird dieser Muskel wieder belastet, um den Willen des Trainierenden zu stärken. Wie sonst könnte man 3 Stunden oder den halben Tag im mǎbù stehen?

In der Antike trainierten die Profis unter anderem im Tetrade-System, was das Training in 4-Tageszyklen aufteilte. Geübt wurde mehrmals am Tag.

  1. Am ersten Tag bereitete man sich mit kurzen aber intensiven Einheiten auf den 2. Tag vor.
  2. Am zweiten Tag trainierte man sehr hart. Kraft-Ausdauer war das Motto. Man sollte nicht weniger als alles geben. (progressive Überbelastung)
  3. Der dritte war der Pausentag. Die Athleten wurden massiert und gepflegt. Sie übten, wenn überhaupt nur sehr leicht. Die Meister wussten, dass der Körper Zeit zur Erholung brauchte, und man nahm das ernst.
  4. Der vierte Tag sah Übungen mit halber Kraft vor.

Dann begann der Zyklus erneut.

Jens Sprengel: Machen die chinesischen Kampfkünstler und Profisportler in der heutigen Zeit zusätzlich auch „westliches Hanteltraining“ mit den herkömmlichen Übungen wie Bankdrücken, Kniebeugen, Rudern, Bizepscurls usw.? Oder ist diese Trainingsweise im Sinne der klassischen Kampfkunst eher nachteilig?

Frank Rudolph: Das chinesische Training ist und bleibt sehr speziell, auch das moderne. Aber die westlichen Übungen haben längst im Profisport Einzug gehalten. Und es ist ja keine Frage, dass man auch mit den modernen Maschinen und Konzepten Erfolg haben kann.

Jens Sprengel: Im Buch „Yan Chi Gong“ wird vor jeder Übung die Bogenhaltung der Wirbelsäule eingenommen, bei der man die Hüften nach oben und die Schultern nach unten zieht. So, dass die Bauchmuskulatur angespannt, der Rücken von innen gedehnt und die Trapezmuskeln nach außen treten.

Kannst Du die Bedeutung dieser Technik erläutern und sollte man diese Haltung auch bei anderen Trainingsübungen anstreben, wie z. B. beim Mabu, Handstand, Sprungübungen, Training mit dem Eisenstab usw.?

Frank Rudolph: Die Bogenhaltung (chin. gōngwèi弓位) ist eine Übung zur Vorspannung und zur Entspannung gleichermaßen. Bruce hat diese Haltung ebenfalls oft ausgeübt. Man baut hier eine Vorspannung für den Kampf auf, ist sozusagen sofort bereit. Das unterscheidet sich ziemlich vom Brust raus, Bauch rein, wie wir das im Westen praktizieren. Diese Haltung soll auch die inneren Organe schützen. Brust rein schont das Herz mehr als das westliche Brust raus. Auch die alten Boxer des Westens haben diese Haltung in etwa favorisiert.

Aber du kannst diese Haltung nicht auf andere Übungen übertragen. Beim mǎbù geht das noch, doch wenn du den Handstand so versuchst, wirst du scheitern. Wenn du einen Aspekt trainieren möchtest und du kommst mit dieser Haltung nicht in Konflikt, dann spricht nichts dagegen, die Bogenhaltung einzunehmen.

Jens Sprengel: Beim „westlichen“ Sport- und Fitnesstraining wird ja eher propagiert, dass man den Lendenwirbelbereich und den oberen Rücken strecken, also keinen Bogen aufbauen soll. Weißt Du, was hier die Unterschiede sind, weshalb die Empfehlungen diesbezüglich sogar gegensätzlich scheinen?

Frank Rudolph in Aktion

Frank Rudolph: Ein wenig habe ich das eben schon beantwortet. Die Chinesen achten viel mehr auf die Einheit. Der Körper ist ein System. Wie gesagt, war der erste internationale Faszien-Kongress erst 2007. Aber in China trainierte man die Faszien gezielt bereits vor 1.000 Jahren. Das spricht für sich.

Die Bogenhaltung arbeitet mehr mit dem Körper, aber im Westen wird das Training oft in Teile separiert. Das klingt effektiver, ist aber allenfalls eine andere Methode des Trainings. Für die KK empfehle ich die Einhaltung der Einheit als unverzichtbaren und allumfassenden Grundgedanken.

Interessant ist, dass viele chinesische Methoden auch im deutschen Turnen praktiziert wurden. Die Turnpioniere, GutsMuths, Jahn, Eiselen waren sehr gut und haben die Materie gründlich studiert. Auch ihre Nachfahren waren so gründlich, dass man sie deswegen oft kritisierte. Zu Unrecht. Wenn man die Lehrbücher aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts betrachtet, erkennt man ihr Genie.

Die Methoden sind den chinesischen sehr ähnlich. Die Dehnung war fantastisch. Das Grundlagentraining war klasse. Die Verbindung von gōng und KK war sehr, sehr gut. Man ging davon aus, dass für eine gute KK ¾ gōng nötig ist und nur ¼ Technik. Das ist fantastisch. Aber bereits um 1880 war offenbar sehr viel davon vergessen. Man baute dann nicht auf dem Guten auf, sondern führte das Schlechtere weiter.

Jens Sprengel: Was hältst Du von „Natural Chi Movement„, also einem freien Bewegen, den Körper vollkommen führen lassen?

Es handelt sich dabei um eine Art Qi Gong, bei dem man den natürlichen Bewegungsimpulsen des Körpers folgt. Tienko Ting hat das so benannt und in die Öffentlichkeit gebracht.

Frank Rudolph: NCM ist nur ein neuer Name für eine alte Sache. Das russische Systema handhabt das ja auch so. Und so sollte es immer sein. Sich angemessen nach Notwendigkeit bewegen.

Ich habe schon so unendlich viele „“““““neue“““““ Übungen gesehen, dass ich davon richtig müde werde. Das Skateboard hieß im frühen 19 Jh. noch Rollbrett, das Snowboard hieß um 1900 noch Monogleiter. Und das geht immer so weiter. Nichts ist neu. Nach 12.000 Jahren (derzeit) belegbarer Kulturgeschichte ist es vermessen, heute etwas Neues in dieser Richtung erfinden zu wollen.

Jens Sprengel: Du kennst Maik Albrecht schon seit seiner Jugend, hast ihn anfangs trainiert und dann ging er nach China und wurde dort zum Meister ausgebildet. Du hast mir erzählt, dass er in China sehr bekannt ist und von den Chinesen sehr geschätzt und geachtet wird. Möchtest Du kurz zum Abschluss unseres Interview etwas zu Maik erzählen und wird es weitere gemeinsame Buchprojekte geben?

Frank Rudolph: Kaum einer kann sich vorstellen, wie bekannt Maik in China ist oder war. Dieser Aspekt ist nur mit Marco Polo oder Adam Schall von Bell vergleichbar. Es gab Postkarten, Dokus Filme mit und über ihn. Fast jede Zeitung und fast jeder Sender, einschließlich CCTV, haben über ihn berichtet. Er kannte die Regierungsführung persönlich, war per Du mit den höchsten Offizieren, hat als Deutscher/Ausländer die SWAT unterrichtet und als erster Ausländer die WM gewonnen nach chinesischen Regeln.

Er ist/war der kampfstärkste Mensch, von dem ich gehört habe. Die Chinesen haben das erkannt, weshalb er wirklich intensiv gefördert wurde. Doch er wird auch nicht jünger. Er ist ja nun auch bald 40. Und ob das moderne, vergessliche China noch immer etwas von ihm wissen will, ist zumindest fraglich.

Für mich war, ist und bleibt er eine Inspiration, selbst wenn er heute einen anderen Weg als ich eingeschlagen hat. Er hat Kämpfer jeder Schule deklassiert oder zum Weinen gebracht. Ich kann es kaum beschreiben und leider nimmt man es in den Büchern oder auch bei den Filmen nicht so wahr. Man muss ihn erleben. Na ja, vermutlich ist dieser Abschnitt seines Lebens vorbei.

Jens Sprengel: Lieber Frank, ich danke Dir von Herzen für dieses sehr gehaltvolle und umfangreiche Interview. Ich danke Dir für Deine Zeit und Offenheit und ich könnte noch unzählige Fragen anhängen. Vielleicht entsteht daraus ja eine regelmäßige Kolumne?

Ich wünsche Dir alles Gute, wir hören und lesen voneinander. Bis bald.

Frank Rudolph: Vielen Dank für diese Gelegenheit. Es war mir ein echtes Vergnügen.

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