Capoeira – Eine innere Kampfkunst aus Brasilien

Nicht nur im Reich der Mitte entwickelten sich innere Kampfkünste. Auf allen Kontinenten gibt es Kampf- und Bewegungskünste, die auf den gleichen Prinzi­pien basieren wie die chinesischen Kampfkünste. Capoeira Angola entstand in Brasilien während der Kolonialzeit. Die Wurzeln dieser Kampfkunst sind sehr viel älter und haben ihren Ursprung in Afrika.

Während der Kolonialzeit verschleppten die portugiesischen Besatzungsmächte viele Männer und Frauen aus allen Teilen Afrikas, als Sklaven nach Brasilien. Dort wurden diese gezwungen auf den Plantagen der Großgrundbesitzer Zwangs­arbeiten zu leisten. Die Menschen wurden ihrer Rechte auf Freiheit und Selbstbe­stimmung beraubt. Ihr Leben war weniger wert als materielle Güter, sie wurden schlechter behandelt als Nutzvieh. Nur ein Wunder konnte hier noch helfen und so entstand aus großer Not heraus die Capoeira.

Die Kampfkunst Capoeira könnte man als Konzentrat all dieser Hoffnungen, Sehnsüchte, aber auch der Wut und der Frustration sehen. Sie entstand als Mittel zum Zweck, sich selbst und die Hoffnung auf Freiheit und Selbst- bestimmung niemals aufzugeben. Die Capoeira ist der Schlüssel zur Freiheit, zur Befreiung des Selbst aus den Zwängen der äußeren sowie auch der inneren Sklaverei des ei­genen Selbst.

Sich aus den Ketten der Gefangenschaft befreien
Die Capoeira entwickelte sich nach und nach aus vielen verschiedenen Überliefe­rungen und Traditionen der Völker Afrikas. Philosophie, Religion, Magie, Musik, Gesang, Tanz, Rhythmus, Bewegung, Kampf-, Körper- und Reflextraining all das vereinte die Capoeira. Da viele Sklaven aus Angola kamen, wurde diese Bewe­gungskunst im Nachhinein als Capoeira Angola bekannt.

Besonderheiten
Da es den Sklaven verboten war, sich im Kampf zu üben, waren sie gezwungen die Bewegungen in einen Tanz einzubetten. Capoeira wird daher zu zweit im Takt der Musik „gespielt“ oder getanzt. Die beiden Spieler versuchen sich gegen­seitig zu Fall zu bringen, ohne sich jedoch zu verletzen. Es geht um Geschick, Einfallsreichtum, Körperbeherrschung und Spontanität.

Um die beiden Spieler herum bilden die anderen Capoeiristas einen Kreis, die so­genannte Roda. Sie spielen die Instrumente und singen und haben so direkten Einfluss auf die Geschwindigkeit und die Intensität des Spiels.

Sobald einer der beiden Spieler den Boden mit einem anderen Körperteil als den Hand- oder Fußsohlen berührt, hat er das Spiel verloren und wechselt mit einem der außen Stehenden.

Eine Roda zieht sich oft über mehrere Stunden mit vielen Spielen und Rhythmen hinweg. So entsteht eine Gruppendynamik und Energie, die mehr an ausgelasse­nes Feiern als an eine Kampfkunst denken lässt. Das ist das Geheimnis der Capoeira: Man verschafft sich den Zugang zur inneren Kraft und schließt sich direkt an das kosmische Energiefeld an.

Durch Bewegen, Singen, Klatschen, Trommeln usw. befreien sich die Spieler miteinander aus den Engen des Alltags und treten in einen besonderen, ja magi­schen Raum ein.

Die Grundbewegung ist die Ginga, eine Schritttechnik, bei der man den Körper­schwerpunkt rhythmisch von links nach rechts und von vorne nach hinten verla­gert. Die Ginga bietet unendliche Möglichkeiten für Manöver in alle Richtungen und hängt indirekt auch mit dem Samba zusammen.

Die Capoeira spielt sich nicht nur, wie die meisten inneren Kampfkünste, im Stand ab, sondern auch am Boden und in der Luft. Das Spiel verlagert sich aus dem Stand oft tief nach unten auf den Boden. Beide Spieler bewegen sich auf al­len Vieren oder auch nur auf den Händen.

Genauso geht es auch hoch hinaus. Gesprungene Tritte und Salti, Räder und lang gestreckte Handstandpositionen sind keine Seltenheit. Abtauchen und sich im Handstand Auge in Auge gegenüberstehen.

Das ganze System der Capoeira Angola besteht aus dem Spiel in der Roda, dem Bauen und Spielen der Instrumente, Singen und beherrschen der Lieder, der Phi­losophie und dem Lebensgefühl der Freiheit.

Die wichtigsten Bestandteile von Capoeira im Überblick

1. Die Musik:
Die Capoeira nutzt den Rhythmus der Musik um die innere Kraft zu wecken. Durch den Takt der Musik entsteht der Takt der Bewegung.

Das wichtigste Musikinstrument ist das Berimbau: Ein Stab aus dem elastischen Biribaholz, das nur in Brasilien vorkommt, wird mit einer Metallseite wie ein Bogen gespannt. Daran befestigt man einen ausgehöhlten Kürbis als Klangkör­per. Das Berimbau wird mit einer Hand gehalten und mit der anderen Hand ge­spielt. Hierzu schlägt man die Metallsaite mit einem kleinen Schlagstöckchen an. Die Saite berührt der Spieler mit einer Münze und hat so Einfluss auf den Klang. In der Spielhand hält er zugleich eine kleine Rassel, welche bei jedem Schlag ein Geräusch verursacht. Das Berimbau birgt trotz seiner Einfachheit ein großes Klangspektrum.

Neben verschiedenen Berimbaus gibt es mehrere Arten von Trommeln, Schellen und anderen Percussionsinstrumenten. Das Beherrschen der Instrumente bildet neben den musikalischen Fähigkeiten auch die Koordination des Nervensystems aus.

2. Gesang:
In den Gesängen wurden Mythen am leben gehalten, die Hoffnung an die Frei­heit bestärkt und „geheime Botschaften“ ausgetauscht. Oft enthielten die Lied­texte verschlüsselte Informationen über Fluchtwege und Pläne, die nur von ein­geweihten Capoeiristas verstanden wurden.

Heute dient das Singen hauptsächlich dem Gemeinschaftsgefühl, der Stimmung und Energie, sowie dem Training der Stimme und der Atmung. Die Texte sind meistens auf portugiesisch und erzählen von großen Capoeirameistern und deren Taten.

3. Tanz:
Da es den Sklaven verboten war, sich kämpferisch zu bewegen, waren sie ge­zwungen ihr Training für den Zweikampf und die Flucht in traditionellen Tänzen zu verbergen. Dabei trainierten sie Timing und Distanzgefühl, ihre Reflexe und Spontanität.

Heute ist das Capoeiraspielen oder Tanzen in der Roda der Höhepunkt des Ca­poeiratrainings. Hier gilt es das Erlernte immer wieder neu anzuwenden und den spontan entstehenden Situationen anzupassen.
Außerdem ist es eine wahre soziale Begegnung sehr angenehmer Art. Oft entste­hen wirklich witzige Situationen, jeder nimmt sich selbst nicht so ernst und es wird viel gelacht und rumgealbert.

Dieser spielerische Aspekt macht Capoeira einzigartig, hier wirken viele andere Kampfkünste im Vergleich sehr ernst.

4. Roda:
Die Roda ist die eigentliche Veranstaltung, bei der die Capoeiristas, wie die Aus­übenden dieser Kampfkunst genannt werden, zusammenkommen. Dabei bilden sie einen Kreis oder Halbkreis, die Roda. In der Mitte befinden sich die beiden Spieler, außen stehen die Musiker und der Chor.

Eine Roda geht oft die ganze Nacht lang, wobei die Spieler in der Mitte des Krei­ses wechseln. Die Roda bekommt über mehrere Stunden eine eigene Dynamik aus dem wechselnden Spiel von Rhythmus, Gesang, Spiel, Tanz und Kampf. So entsteht eine sehr hohe Energie, die jeden Beteiligten mitreißt und Müdigkeit und Erschöpfung vertreibt.

5. Bewegungen:
Die Bewegungen der Capoeira waren anfangs weder klar noch definiert. Einige Grundbewegungen stammen aus dem „Zebratanz“, dem Nigolo. Im Prinzip geht es darum seinen Körper und die Reflexe so zu trainieren, dass man jeder Situati­on gewachsen ist. Beweglichkeit, Schnelligkeit, Kraft, Ausdauer, Koordination, Spontanität, all das wird spielerisch erworben und geschult.

Beim Spiel in der Roda geht es darum sich geschickt zu bewegen, um nicht ge­troffen zu werden. Das ganze geschieht freundschaftlich, mit viel Humor und Spaß. Man will den Mitspieler nicht verletzen.

Es geht auch darum sich aus den Grenzen seines eigenen Bewegungsverhaltens und Vermögens zu befreien. Neben dem Spiel in der Roda gehört eine eigene Art von Gymnastik und Krafttraining zu dem System. Die Bewegungen unterschei­den sich zum Teil völlig von den bekannten Gymnastikübungen und sind sehr ef­fektiv.

Das Körpertraining der Capoeira Angola, kann man ohne Übertreibung als eines der effektivsten Trainingssysteme überhaupt ansehen. Viele Leistungssportler verschiedenster Disziplinen nehmen Capoeiraunterricht um ihre Leistungen zu verbessern.

6. Malica:
„Malica“ wird wörtlich mit List oder Tücke übersetzt, was leicht missverstanden wird. Die Malica ist eine Art innere Grundhaltung, während des Capoeiraspiels, aber auch im Spiel des Lebens. Es geht um innere Wachheit, Aufmerksamkeit, sich nicht in die falle locken zu lassen. Die Malica ist die „Geheimlehre der Ca­poeira“, die oft mit Magie und Mystik in Verbindung gebracht wird. Es geht dar­um sich seiner selbst und der umgebenden Welt bewusst zu werden und sich aus der eigenen Sklaverei zu befreien. Dazu sind alle Mittel recht. Auch die Natur des Menschen zu verstehen und für sich zu nutzen gehört zur Malica.

7. Spiritualität:
Philosphie, Glaube und Überzeugung, die Arbeit an sich selbst und der eigenen Befreiung, lässt Capoeira zu einem spirituellen Entwicklungsweg werden. Diese Kampfkunst ist ein ganzheitliches System, in dem es ganz essentiell um Entwick­lung und Selbstbefreiung geht. Selbst wenn wir heute unser Leben nicht so offen­sichtlich in Ketten verbringen, wie einst die Sklaven, so sind wir doch meistens Gefangene unserer eigenen Zwänge und Regeln. So lautet das Motto der Capoei­ra: „Befreie dich selbst aus deinen eigenen Ketten!“

Zusammenfassung

Wer sich bislang hauptsächlich mit asiatischen und chinesischen Kampfkünsten beschäftigt hat, empfindet Capoeira anfangs vielleicht ein wenig sonderbar und befremdlich. Wer sich aber eingehender damit beschäftigt merkt sehr schnell, welch großen Schatz er damit am bergen ist.

Capoeira verbessert die Fähigkeiten in anderen Kampfkünsten, Sportarten oder Trainingssystemen. Man lernt wortwörtlich die Grenzen der eigenen Bewegungs­fähigkeiten zu überwinden.

Das Spiel und das Körpertraining vermitteln ein sehr vitales körper- und Lebens­gefühl und die Bänder, Sehnen und Muskeln werden weich und elastisch, gleich­zeitig aber auch stark und kraftvoll.

Capoeira ist für jeden Fitnessliebhaber und Bewegungskünstler einen Versuch wert.

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