Wie Fett und Zucker süchtig und dick machenWie Fett und Zucker die Belohnungssysteme und den Sättigungsmechanismus außer Kraft setzen

Croissants, gefüllte Blätterteigtaschen, Eiscreme oder Sahnetorten – den meisten Menschen schmecken diese Kalorienbomben.

Doch warum können manche Menschen nicht genug davon bekommen? Weshalb verleiten gerade Nahrungsmittel, die viel Fett und Zucker enthalten, zum Überessen? Sind Menschen, die dazu neigen zu viel zu essen, einfach nur willensschwach oder könnte auch der Hormonhaushalt eine Rolle spielen?

Wie Essen dick und süchtig machen kann

Manche Menschen können einfach nicht genug bekommen. Auch für mich fängt der Spaß nach dem ersten Stück Schokolade erst so richtig an. Nicht umsonst bezeichne ich mich daher als zuckersüchtig. Doch kann Essen wirklich süchtig machen? Oder fehlt es mir einfach nur an Willenskraft? Fragen, die sich vermutlich die meisten stellen, denen es ähnlich geht.

Esssucht als Verhaltensstörung

Noch bis in die 90er Jahre ging man davon aus, dass Menschen, die ständig zu viel (vor allem von dem Falschen) essen, ganz einfach nur willensschwach sind. Übergewicht und Fettleibigkeit infolge von Überessen wurde in Fachkreisen daher als Verhaltensstörung abgetan. Auch, wenn sich das Bild unter den Wissenschaftlern und Ärzten so langsam wendet, in der Gesellschaft werden Dicke immer noch häufig für ihren schwachen Charakter bemitleidet.

Esssucht als genetische Fehldisposition

Dabei gab es bereits in den 60er Jahren Hinweise darauf, dass krankhaftes Überessen auf genetische Faktoren zurückgehen kann. Douglas Coleman, ein kanadischer Biochemiker, konnte diese Zusammenhänge zum ersten Mal bei Versuchen an Mäusen erkennen. Der Molekulargenetiker Jeffrey Friedman bestätigte später die Erkenntnisse Colemans.

Die Wissenschaftler beobachteten, dass Mäusestämme, die besonders häufig an Diabetes mellitus und Dickleibigkeit erkrankten, im Vergleich zu anderen, unauffälligen Stämmen veränderte Gene aufwiesen.

Störungen im Hormonhaushalt können gefräßig und dick machen

Bei gesunden Menschen und auch Tieren ist es so, dass der Körper bei der Nahrungsaufnahme registriert, welche Nährstoffe aufgenommen werden. Bei fettreichen Nahrungsmitteln wird das Hormon Leptin ausgeschüttet, das den Appetit zügelt und das Verlangen dämpft.

Genau dieser Mechanismus war bei den auffälligen Mäusestämmen gestört. Entweder es wurde zu wenig Leptin gebildet oder der Körper reagierte nicht mehr entsprechend mit dem Impuls „ich bin satt“ auf das Hormon.

Die Forschungen zeigen also, dass Hunger und das Verlangen nach Nahrung, und damit indirekt auch das Körpergewicht, durch Hormone gesteuert werden. Hormonelle Störungen können damit zu Essstörungen, insbesondere zu suchtähnlichem Verlangen nach bestimmten Nahrungsmitteln, und infolgedessen zu Übergewicht führen.

Bestärkt wird diese These dadurch, dass in manchen Familien die Anzahl Übergewichtiger besonders hoch ist. Doch lässt sich damit rechtfertigen, dass Fettleibigkeit und gestörtes Essverhalten allein durch eine Hormonstörung verursacht werden?

Normalerweise macht Essen satt

Wenn wir hungrig sind, schmeckt Essen am besten. Die Nahrungsaufnahme stimuliert unser Belohnungszentrum im Gehirn und führt zur Ausschüttung von sogenannten Glücksbotenstoffen.

Das macht das Belohnungszentrum übrigens immer, wenn wir einer für unsere Arterhaltung wichtigen Tätigkeit nachgehen wie z. B. Nahrungsaufnahme oder Sex. Damit sorgen die Glücksbotenstoffe dafür, dass wir Freude an ausreichender Nahrungsaufnahme und an der Fortpflanzung haben, um zu gewährleisten, dass wir nicht verhungern und unsere Art zu erhalten.

Wie die Hormone Leptin und Insulin unseren Hunger regulieren

Da jedoch auch ein Überessen nicht wünschenswert ist, gibt es parallel dazu Mechanismen, die dafür sorgen, dass wir nicht zu viel essen. Wenn Fettsäuren in unsere Fettzellen eingelagert werden, wird das Hormon Leptin ausgeschüttet, das unserem Gehirn die Botschaft übermittelt, dass die Energiespeicher gefüllt sind und der Appetit reduziert und eingestellt werden kann.

Gleichzeitig sorgen Kohlenhydrate in der Nahrung für einen Anstieg unseres Blutzuckerspiegels, was zur Ausschüttung von Insulin führt. Auch dieses Hormon hat eine appetitdämpfende Wirkung.

So kommt es, dass mit jedem Bissen, der den Magen weiter füllt, der Genuss beim Essen weniger wird und die Nahrungsaufnahme immer mehr ihren Reiz verliert, bis man irgendwann genug hat und sich satt fühlt. So sollte es zumindest sein.

Halten wir fest: Nahrungsaufnahme dient unserem Überleben. Daher wird diese Tätigkeit mit der Ausschüttung von Glücksstoffen belohnt. Das erklärt, weshalb Essen für die meisten Menschen Freude und Genuss bedeutet.

Weil andererseits aber auch ein ständiges Überessen nicht wünschenswert ist, reagiert der Körper auf eine fortschreitende Nahrungs- und Nährstoffaufnahme mit der Ausschüttung von Hormonen, die den Appetit zügeln. Dieser Regelkreislauf soll die Nahrungsaufnahme kontrollieren und bei gesunden Menschen funktioniert das auch.

Wenn der Sättigungsmechanismus nicht mehr funktioniert

Auch bei Übergewichtigen konnten diese appetitzügelnden Hormone wie Insulin und Leptin im Blut nachgewiesen werden und das oft sogar in hohen Mengen, dennoch funktioniert dieser Sättigungsmechanismus nicht mehr. Man isst und isst und hat trotzdem Hunger.

Der Grund? Das Junk Food von heute setzt diesen Mechanismus außer Kraft.

Der menschliche Körper ist nicht auf die hochkalorische Nahrung der heutigen Zeit angepasst. Lebensmittel, die reich an Kalorien und arm an Nährstoffen sind, wie Süßigkeiten, Teigwaren, Frittiertes, Fast Food usw., unterscheiden sich völlig von den in der Natur vorkommenden Nahrungsmitteln wie Obst, Gemüse, Kräuter, Nüsse, Eier usw., die im Verhältnis zu ihrer Kaloriendichte deutlich mehr Vitalstoffe in Form von Mineralstoffen und Vitaminen beinhalten.

Vor allem Nahrungsmittel, die Kochsalz, Fett und Zucker enthalten, stimulieren unser Belohnungssystem, das seinen Sitz im Hypothalamus hat, derart übermäßig, dass die natürlich vorkommenden appetitzügelnden Hormone wie Leptin und Insulin keine Chance mehr haben.

Der Körper reagiert einfach nicht mehr wie vorgesehen auf deren Information, weil die Ausschüttung von Glücksbotenstoffen übermäßig mächtig wird. Die Folge davon ist, dass man auch dann weiter isst, wenn der Magen schon voll und der Hunger längst überwunden ist.

Ein Beispiel, das wohl jedem bekannt ist: Sind wir nach einem leckeren und reichhaltigen Mahl der Überzeugung pappsatt zu sein und keinen Bissen mehr hinunter zu bekommen, serviert uns der Gastgeber plötzlich ein verführerisch anmutendes Desserts. Trotz des vollen Sättigungsgefühls landet dieses dann auch noch auf wundersame Weise in unserem eigentlich schon gut gefüllten Magen.

Zwischenfazit: Unser Körper verfügt über ein ausgeklügeltes System, das Appetit und Körpergewicht mithilfe von Botenstoffen reguliert und im Gleichgewicht hält. Hochkalorische Lebensmittel, die arm an Nährstoffen sind, sind in der Lage diesen ausgeklügelten Regelkreislauf außer Kraft zu setzen und führen dazu, dass immer mehr Menschen dazu neigen zu viel zu essen und dick werden.

Stichwort Entwöhnung

Wenn es so weit gekommen ist, dass man beim Verzehr bestimmter Nahrungsmittel die Kontrolle darüber verliert, wie viel man isst, dann kann eine Phase der Entwöhnung helfen, den gestörten Hormonhaushalt zu regulieren und das Essverhalten wieder unter Kontrolle zu bekommen. Denn vereinfacht kann man sich das Ganze so vorstellen:

Wenn wir Fett oder Zucker essen, werden Hormone wie Leptin und Insulin ausgeschüttet, die dem Körper signalisieren, dass genügend Nährstoffe aufgenommen wurden. Normalerweise reagiert der Körper auf die Ausschüttung dieser Botenstoffe so, dass er den Appetit dämpft, indem das Sättigungsgefühl einsetzt und immer stärker wird.

Wenn wir jetzt jedoch täglich, im schlimmsten Fall sogar mehrmals täglich und ständig, hochkalorische Leckereien aus Fett und Zucker essen, werden unsere Zellen permanent mit den appetitdämpfenden Hormonen überschüttet.

Da der Körper jedoch immer bestrebt ist, das innere Gleichgewicht, die Homöostase aufrecht zu erhalten und wieder herzustellen, entsteht eine Gegenreaktion auf die dauerhafte Ausschüttung von Leptin und Insulin. Er mildert die Wirksamkeit dieser Botenstoffe auf die Zellen ab. Das geschieht dadurch, dass immer mehr Rezeptoren an den Zellwänden abgebaut werden, an denen die Hormone zunächst andocken müssen, bevor sie ihre Wirkung entfalten und weitere Prozesse in Gang setzen können.

Das hat zur Folge, dass, obwohl viel Leptin und Insulin im Blut zirkulieren, diese ihre Wirkung nicht entfalten können, weil immer weniger Rezeptoren dafür vorhanden sind. Wir müssen dann immer mehr und mehr essen, bis wir uns satt und zufrieden fühlen und der Teufelskreis beginnt. Der Körper entwickelt sozusagen eine Toleranz gegen die Signalstoffe und reagiert nicht mehr wie ursprünglich vorgesehen. Man spricht dann auch von Leptin- bzw. Insulinresistenz.

Wie Forscher des Oregon Research Instituts und des Brookhaven National Labors mithilfe bildgebender Verfahren beobachten konnten, stumpfen die Belohnungssysteme im Gehirn essgestörter Menschen immer weiter ab. Infolgedessen fühlen sich die Betroffenen immer unzufriedener und können sogar eine Depression entwickeln. Anders ausgedrückt: Essgestörte brauchen eine erheblich größere Menge als normale Esser um den gleichen Grad der Befriedigung zu erreichen.

Fazit:

Essgestört wird man nicht, weil man willensschwach ist. Auch Hormonstörungen im Sinne einer fehlenden Produktion von Hormonen sind selten der Auslöser, schließlich konnten auch im Blut von Übergewichtigen die appetitzügelnden Hormone nachgewiesen werden – und das oft in einer deutlich höheren Menge als bei schlanken Personen.

Der Grund für Überessen und dadurch verursachtes Übergewicht scheint vielmehr damit zusammenzuhängen, dass Belohnungssystem und Sättigungsmechanismus in Folge der ständigen Überflutung mit Kalorienbomben, wie sie in der Natur nicht vorkommen, außer Kraft gesetzt werden. Dadurch werden im Gehirn sogenannte Rückkopplungsschleifen in Gang gesetzt werden, die dazu führen, dass das Verlangen mit zunehmenden Konsum steigt und steigt. Dieser Prozess verläuft ähnlich wie bei Drogensüchtigen.

Zum Ausstieg aus dieser Misere kommen Betroffene wohl nicht um eine Entwöhnung herum. Nur, wenn man eine Zeit lang auf die triggernden (süchtigmachenden) Dinge verzichtet, können sich die Zellrezeptoren und der Hormonhaushalt wieder normalisieren.

Die ersten Tage einer Entwöhnung sind zwar äußerst hart, wie wohl jeder weiß, der schon einmal versucht hat, auf triggernde Dinge zu verzichten, doch das Verlangen danach nimmt schnell ab und man wird mit einem unvergleichbaren Gefühl von Selbstvertrauen belohnt.

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