Mehr als ein Kommunikationsmodell

Einfühlsame Kommunikation, angelehnt an das Modell der gewaltfreien Kommunikation nach Marshall Rosenberg, ist weit mehr als ein bloßes Kommunikationsmodell. Hier geht es weniger darum zu lernen sich geschickt auszudrücken um eigene Ziele und Wünsche durchzusetzen, als darum zwischenmenschliche Bezieh- ungen aufzubauen, die von gegenseitigem Respekt und Wertschätzung geprägt sind.

Ziel ist die Förderung eines bereichernden Miteinanders, in der alle die Möglichkeit haben ihre Bedürfnisse und Wünsche offen mitzuteilen. Nur wenn diese Voraussetzung gegeben ist, ist es jedem Einzelnen von uns möglich zu wachsen und zu sich selbst zu finden.
Das Erlernen einer einfühlsamen Sprache ist dabei ein wichtiges Werkzeug.

Doch nur, wenn unseren Worten gewisse innere Grundhaltungen zugrunde liegen, werden unsere Worte auch gehaltvoll. Und nur dann werden sie die Herzen der anderen berühren.

Bevor wir uns daher damit auseinandersetzen, wie wir uns einfühlsam ausdrücken, lohnt sich ein Ausflug in die Grundhaltungen, die einer einfühlsamen Kommunikation zugrunde liegen.

Grundhaltungen:

1. Ein guter Zugang zu sich selbst ist unerlässlich für eine ehrliche Kommunikation
Die Herausforderungen fangen schon an, wenn es darum geht sich klar auszudrücken. Denn dafür müssen wir erst einmal selbst wissen, was wir wollen. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Doch die Realität sieht anders aus: Es fällt uns oft leichter uns den Wünschen anderer unterzuordnen und uns gegebenenfalls hinterher zu beschweren, als von Beginn an klar und deutlich auszudrücken, was wir eigentlich wollen.

Beim Erlernen einer einfühlsameren Sprache ist uns daher bewusst, dass wir uns vor allem auch damit beschäftigen müssen, wie wir einen besseren Zugang zu dem bekommen, was in uns selbst vorgeht.

Nicht ganz einfach in einer Welt, in der es nur wenig Worte für Gefühle gibt, das Offenlegen von Emotionen leicht als Gefühlsduselei verschrieen und man beim Aussprechen eigener Bedürfnisse schnell als Egoist verurteilt wird. Unserem Umfeld und uns selbst zuliebe wollen wir uns jedoch dieser Herausforderung stellen.

2. Angemessenheit der Selbstoffenbarung
Doch auch eine schonungslose Selbstoffenbarung kann Schaden anrichten. Wenn wir nicht darauf achten, ob das, was in uns vorgeht überhaupt zur Art der Beziehung und zur gegebenen Situation passt, überschreiten wir leicht die Grenzen des anderen oder verletzen ihn. In nicht privaten Beziehungen von Intimitäten zu berichten, auch wenn sie uns gerade auf der Seele brennen, kann genauso unpassend sein, wie das rücksichtslose Herauslassen unserer Wut und Aggression.

Bei einer einfühlsamen Kommunikation, legen wir daher nicht nur Wert darauf, dass das, was wir sagen auch unseren Gefühlen, Gedanken und Bedürfnissen entspricht, sondern auch darauf, ob der Ausdruck unseres Inneren zur momentanen Situation passt. Wir wissen, dass es manchmal besser ist, etwas für uns zu behalten und erst nach abgeklungener Wut, Ärger oder Frustration ein klärendes Gespräch zu suchen.

Wir lernen, wie wir ohne Bewertung oder Verurteilung Dinge ausdrücken, die uns beim Verhalten anderer stören und erleben das Wundersame: Wenn wir in der Lage sind, dass beim Gegenüber keine Kritik oder Forderung ankommt, dann stoßen wir plötzlich nicht mehr auf taube Ohren. Der andere hat auf einmal Gehör für uns.

3. Wir wünschen uns ein ehrliches Feedback des anderen
Wenn wir offen sagen, was wir uns wünschen, dann tun wir das nicht um mit Biegen und Brechen unseren Wunsch durchzusetzen, sondern weil wir unserem Gegenüber die Chance bieten wollen, ehrlich dazu Stellung zu nehmen.

Es ist erwünscht und erlaubt, dass er Nein sagt und seine eigenen Bedürfnisse äußert. Selbst wenn wir über das Nein an sich enttäuscht sind, sind wir dankbar dafür, dass er uns seine Ehrlichkeit „zumutet“. Denn schließlich sehen wir Ehrlichkeit als Zeichen von Vertrauen.

4. Wir betrachten das Offenlegen unterschiedlicher Meinungen als Chance
Wie wir sehen, kommt es dadurch, dass der andere ebenfalls die Möglichkeit hat, seine Sicht der Dinge zu vermitteln, keineswegs zu mehr Harmonie. Im Gegenteil, vorhandene Konflikte treten so verstärkt zum Vorschein. Genau das ist auch der Grund, wieso so viele von uns mit ihren eigenen Wünschen und Gedanken zurückhalten: Wir wollen Konflikte vermeiden.

Diese Konfliktscheu legen wir nach und nach ab, da uns bewusst wird, dass es nur durch die Offenlegung der Standpunkte aller Beteiligten, gelingen kann, Lösungen zu finden, die alle zufrieden stellen.

Wir wissen darum, dass wir letztendlich nichts davon haben, wenn andere nur widerwillig unseren Wünschen nachkommen. Nur wenn wir aus freien Stücken und aus tiefem Herzen geben, haben wir auf lange Sicht alle etwas davon.

5. Wir können nur bei uns selbst anfangen
Leider ist diese Art der einfühlsamen Kommunikation noch nicht weit verbreitet. Wir können nicht voraussetzen, dass unsere Gesprächspartner um die Ziele und Grundhaltungen eines solchen Austausches wissen. Wir können nur bei uns selbst anfangen.

Das bedeutet, dass wir uns unserer Eigenverantwortung stellen und uns nicht nur damit beschäftigen, wie wir uns selbst einfühlsam und klar ausdrücken, sondern auch wie wir mit einfühlsamen Ohren hören können.

Wir üben uns darin, die Botschaften anderer, egal wie unglücklich sie formuliert sind, so umzuwandeln, dass wir in der Lage sind, hinter Vorwürfen, Beschul- digungen oder Ablehnungen, das zu hören, was an Bedürfnissen und Gefühlen dahinter steckt. Denn uns ist klar, dass wir alle dieselben Ängste, Sehnsüchte und Sorgen haben. Und wenn wir in der Lage sind, diese zu hören und mitzuteilen, dann öffnen wir die Tore für ein verständnisvolles und respektvolles Miteinander.

Einfühlsame Kommunikation ist daher weit mehr als ein bloßes Kommu- nikationsmodell. Sie spiegelt auch immer unser oberstes Anliegen: den Aufbau und die Förderung von sich gegenseitig respektierenden und bereichern- den Beziehungen.

Beginnen wir also gleich mit der ersten Übung: Vom Verurteilen zum „Werte mitteilen“

Unsere Buchempfehlungen, für alle, die sich mit einer einfühlsamen Sprache beschäftigen wollen:
Ein wunderschönes Buch, das sich leicht und verständlich lesen lässt und dabei auf eine humorvolle Art und Weise die Prinzipien einer einfühlsamen Kommunikation näher bringt.
Eine Bereicherung für sich selbst und andere.
Wenn die Giraffe mit dem Wolf tanzt

Autorin: Serena Rust Mehr Informationen>>


Und das Standardwerk der GFK:

Gewaltfreie Kommunikation

Eine Sprache des Lebens
Autor: Marshall Rosenberg
Das Grundlagenwerk zur Gewaltfreien Kommunikation
Mehr Informationen>>


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