Ein Buch, das mich tief berührt hat

Vor einigen Wochen habe ich den Entschluss gefasst, mich intensiver mit den Themen Sterben und Tod auseinanderzusetzen. Zum einen, um selbst die Angst davor zu verlieren und zum anderen, weil ich das Gefühl habe, in diesem Bereich viel Gutes bewirken zu können.

Und so verschlinge ich seither ein Buch nach dem anderen. Dabei geht um Sterbebegleitung, wie wir die letzten Stunden, Tage und Wochen eines Menschen auf würdevolle und sinnhafte Weise mit Liebe und Leben bereichern können, um Abschied nehmen und Loslassen, um das Wie wir sterben und die Hoffnung auf eine Weiterexistenz nach dem Tod.

All das beschäftigt mich in den letzten Tagen und Wochen sehr intensiv und macht mich neugierig, noch tiefer in dieses spannende Gebiet einzutauchen und hoffentlich schon bald Sterbende auf ihrer Reise in eine andere Welt ein Stück weit begleiten zu dürfen. Bis dahin möchte ich hier gerne immer mal wieder Bücher genauer vorstellen, die mich ganz besonders faszinieren.

Heute geht es um das Buch „Die sieben Geheimnisse guten Sterbens – Erfahrungen einer buddhistischen Palliativschwester“* von Dorothea Mihm und Annette Bopp, erschienen im Goldmann Verlag.

Ein Buch, das mich sehr bewegt und zu Tränen gerührt hat. Ein Buch, das wir – in meinen Augen – alle gelesen haben sollten, bevor wir mit unserem eigenen Sterben und Tod oder dem eines uns nahe stehenden Menschen konfrontiert werden.

Denn dieses Buch gibt Hoffnung. Es gibt Kraft, den Tod als Teil des Lebens und das Sterben als Chance zur spirituellen Entwicklung zu betrachten, die wir laut der Autorin bis zum letzten Atemzug nutzen können.

Die Angst vor dem Tod transformieren

Warum fürchten wir uns so vor dem Tod? Was erschreckt uns daran so sehr, dass wir die Tatsache, dass wir alle eines Tages diese Erde verlassen werden, am liebsten verdrängen und uns nicht mit ihr auseinander setzen möchten? Es ist die Angst des Loslassens. Und die Furcht vor dem Unbekannten.

Nichts im Leben ist beständig. Alles wandelt sich. Jeder Augenblick zerrinnt unter unseren Fingern. Nichts können wir festhalten. Dinge, Pflanzen, Tiere, Menschen, unsere Kindheit, unsere Jugend – alles ist vergänglich. Im Moment unseres Todes müssen wir all das loslassen und noch viel mehr. Unseren Besitz, Statussymbole, Errungenschaften, auf die wir so stolz waren, vor allem aber auch unsere Mitmenschen, die uns nahe stehen und die wir lieben. Selbst unseren Körper müssen wir zurücklassen. Nichts von dem bleibt uns beim Gang über die Schwelle des Todes.

Mihm schreibt: „Das Sterben ist die wohl intensivste und radikalste, oft von einer Minute zur anderen erzwungene Übung des Loslassens. Und wir alle haben Angst davor.“

Ein großer Teil dieser Angst rührt von der Unwissenheit darüber, was im Sterbeprozess passiert. Und dieses Buch schafft es tatsächlich, dieser Angst ins Auge zu blicken und sie dabei Schritt für Schritt zu transformieren.

Dorothea Mihm ist gelernte Krankenschwester und hat durch ihre Arbeit auf Intensivstationen, Palliativeinrichtungen und ambulanten Hospizen seit Jahrzehnten mit Sterbenden zu tun. Motiviert durch ihre eigene Geschichte, den Tod ihrer Mutter als sie selbst noch ein kleines Kind war, machte sie sich auf die Suche nach Antworten auf die Fragen, was beim Sterben und nach dem Tod passiert. Einige dieser Antworten hat sie in den buddhistischen Lehren gefunden, die sie auf ihrem spirituellen Weg maßgeblich beeinflusst haben, so sehr, dass sie selbst zur Buddhistin konvertiert ist.

Und ich finde, jeder von uns sollte sich mit ihrem Wissen, ihren Erfahrungen auseinandersetzen. Denn jeder von uns begegnet dem Sterben und dem Tod. Sei es durch den Abschied von Angehörigen oder durch unser eigenes Ableben.

Wenn wir diese Grauzone zwischen Leben und Tod besser verstehen, können wir den Sterbeprozess würdiger begleiten als es heute oft geschieht und entscheiden uns vermutlich eher dazu, dem Tod bewusst und nicht durch die Verabreichung starker Beruhigungsmittel in einer Art Dämmerzustand zu begegnen. Denn auch, wenn Menschen in ihren letzten Stunden bewegungslos und scheinbar friedlich daliegen, sieht es im Inneren der Person oft ganz anders aus, so Mihm.

Ihr Wissen bezieht die heute 60-Jährige vor allem aus dem Tibetischen Totenbuch und den darin geschilderten Prozessen beim Hinübergehen. Dabei werden 5 Phasen unterschieden, die die Krankenschwester durch ihre eigenen Beobachtungen an Hunderten von Sterbenden, die sie bisher begleiten bedurfte, bestätigt sieht. Daraus entwickelt hat sie sieben Geheimnisse guten Sterbens.

Die Sieben Geheimnisse guten Sterbens

1. Geheimnis: Der Tod gehört zum Leben

Alles Lebende ist sterblich. Der Tod ist die Voraussetzung für das Leben. Altes stirbt ab und schafft so Platz für Neues. So sind die Gesetze der Natur. Das ist der Kreislauf.

Nur, wenn wir uns das immer wieder bewusst machen, trifft uns der Tod eines Tages, wenn er uns überkommt, nicht unerwartet. Und wer auf ihn vorbereitet ist, ist klar im Vorteil. Mach Dir also bewusst, dass Dein Dasein als Mensch endlich ist. Oder, um es mit den Worten von Mihm zu sagen: „Memento mori – erinnere dich daran, dass du sterben wirst.“

2. Geheimnis: Innere Hindernisse überwinden

Ungelöste Konflikte und Traumata, die Verbitterung und Wut in uns hervorrufen; im Streit oder mit offenen Fragen zerbrochene Beziehungen; Verletzungen, die wir anderen bewusst oder unbewusst zugefügt haben, um die wir nie um Vergebung gebeten haben – jede emotional unerledigte Angelegenheit und alles, was wir unterdrückt haben und nicht wahrhaben wollten, kommt im Sterbeprozess noch einmal hoch. Das ist sicher, behauptet die Autorin, die die Erfahrung gemacht hat, dass solche emotionalen Baustellen im Sterbeprozess belastender empfunden werden als alle körperlichen Schmerzen.

Es muss furchtbar sein, wenn wir diese Punkte nicht mehr klären können und mit ins Grab nehmen müssen. Je weniger solcher Baustellen wir haben und je reiner wir mit uns und unserem Gewissen sind, umso friedvoller verläuft der Sterbeprozess.

Lebe daher am besten, so, dass Du jede Minute mit so wenig emotionalem Ballast sterben könntest, wie möglich. Dabei helfen folgende Fragen:

Wenn ich heute erfahren würde, dass ich nur noch wenige Tage zu leben hätte, was würde ich tun? Was hätte ich noch zu erledigen? Wie würde ich gerne die verbleibende Zeit verbringen und mit was würde ich nicht eine Minute verschwenden wollen? Wen sollte ich noch um Verzeihung bitten und wem sollte ich selbst noch verzeihen? Wem muss ich unbedingt noch sagen, dass ich ihn liebe?

Oder mit Mihms Worten: „Unsere Schatten verfolgen uns bis zum Schluss, egal, wohin wir reisen. Je eher wir anfangen, sie zu beleuchten, desto besser. Dann können wir innerlich heil werden und dem Sterben viel ruhiger und gelassener entgegensehen, ganz gleich, wann es so weit ist.“

An anderer Stelle: „Machen wir uns bewusst, welche unerledigten Dinge wir noch mit uns herumschleppen, und machen wir unsere Hausaufgaben. Schieben wir nichts auf die lange Bank – es lebt sich besser mit einem unbelasteten Herzen, und es stirbt sich auch besser.“

3. Geheimnis: Das Sterben verstehen

Wenn wir die Dinge verstehen, die um uns herum geschehen, gibt uns das ein Gefühl von Sicherheit. So auch beim Sterbeprozess. Wenn wir wissen, was da auf uns zukommt, bzw. was andere während ihres Sterbeprozesses durchleben und nicht mehr verbal ausdrücken können, ist das ungemein hilfreich. Das Tibetische Totenbuch beschreibt, was in dieser Zwischenwelt von Diesseits zu Jenseits mit uns passiert und welche Gefühle dabei auftauchen können.

Die Tibeter gehen davon aus, dass so lange wir leben, die Lebensenergie mit dem Bewusstsein verbunden ist. Beim Sterben löst sich diese Verbindung. Weil die Lebensenergie mit den fünf Elementen Erde, Wasser, Feuer, Luft und Raum (= Äther) verbunden ist, weichen diese Elemente, eins nach dem anderen, während des Sterbeprozesses aus dem Körper. Dabei bricht die gesamte gewohnte körperliche Wahrnehmung zusammen. Unsere Sinneswahrnehmung verändert sich, wir wissen, jetzt gibt es kein Zurück mehr und wir sind vollkommen allein.

Die meisten von uns sind darauf nicht vorbereitet, wissen nicht, was mit ihnen geschieht und geraten dann schnell in Panik. Mihm beschreibt in ihrem Buch die einzelnen Phasen des Sterbeprozesses, welche Gefühle dabei auftreten können und wie wir einen Sterbenden durch diesen Prozess am besten unterstützen, ihm seine Angst nehmen und sein Vertrauen in eine höhere Kraft stärken können und natürlich auch selbst entsprechend besser darauf vorbereitet sind, was uns erwartet, wenn wir eines Tages sterben.

4. Geheimnis: Über den Körper die Seele erreichen

Dieser Abschnitt des Buches ist der, der am meisten berührt. Hier schildert die Autorin, die Art und Weise wie sie Sterbenden bei ihrer Arbeit begegnet, wie sie durch Berührung und Präsenz in der Lage ist, selbst mit denjenigen in Kontakt, in Kommunikation zu treten, die seit Wochen im Koma liegen und fälschlicherweise für bewusstlos gehalten werden. Sie ermöglicht ihnen dadurch für ein paar Minuten, eine halbe Stunde oder einen Tag noch mal ihren Körper zu erleben und mit allen Sinnen zu spüren. Die Beispiele, die sie hier bringt, berühren zutiefst.

Wer sich für diese Art der Arbeit interessiert, sollte sich einmal mit der Basalen Stimulation nach Fröhlich auseinandersetzen, die dazu dient, den eigenen Körper zu spüren, Raum und Schwingung zu erleben und die Umgebung über die Sinne zu erfahren.

Weiterbildungen für Pflegekräfte, ehrenamtliche Hospizbegleiter oder auch interessierte Laien in Basaler Stimulation sowie in spiritueller Sterbebegleitung bietet Dorothea Mihm inzwischen sogar selbst an. Mehr Infos auf ihrer Homepage>>

5. Geheimnis: Entwicklung hat keine Grenzen

Dieses Kapitel ist ein Plädoyer für einen bewussten und aktiv durchlebten Sterbeprozess und gegen aktive Sterbehilfe. Gerade in der heutigen Zeit hat der moderne Mensch von heute Angst, sich den Gesetzen der Natur hinzugeben. Hinzukommen menschenunwürdige Bedingungen in Pflegeheimen und Krankenhäusern. Selbst in Hospizen gibt es zu wenig Personal und zu wenig Wissen um die Vorgänge beim Sterben.

Niemand will in den letzten Tagen oder Wochen seines Daseins wie ein lebendiges Stück Fleisch dahinsiechen, anderen zur Last werden und ihnen ausgeliefert zu sein. Da ist es natürlich verständlich, wenn wir selbst Hand anlegen, um dem Leben ein Ende zu setzen oder den Arzt bitten, uns Medikamente zu verabreichen, die unseren Geist abschießen und uns in eine Art Dämmerzustand versetzen, in dem wir nicht mehr viel mitbekommen.

Mihm warnt uns ausdrücklich vor solchen Entschlüssen. „Damit berauben wir uns des Entwicklungspotenzials unserer letzten Tage, Stunden und Minuten. Denn letztendlich lernt und entwickelt sich der Mensch bis zu seinem letzten Atemzug. Und wie oft geschehen noch ganz wesentliche Veränderungen, wie oft lösen sich noch in den letzten Lebensstunden Probleme, die wir vorher für unlösbar hielten!“, so die erfahrene Sterbebegleiterin.

„Ein Lebensbogen, der durch Sterbehilfe gewaltsam vorzeitig abgebrochen wird, kann sich nicht runden, er bricht ab, er bleibt unvollendet!“

In wie weit wollen und können wir beim Sterben der Natur ins Handwerk pfuschen? Provozieren wir durch einen Todestrunk womöglich eine Frühgeburt des Geistes?

6. Geheimnis: Das Lassen lernen

Ständig müssen wir im Leben loslassen. Gegenstände, Tiere, Pläne, die Vergangenheit usw. Der Tod stellt hier die wohl größte Herausforderung. Damit der Sterbende besser von allen Dingen, von allem Materiellen loslassen kann, hilft es, sich auf ein spirituelles Ziel – auf Gott, Allah, Buddha oder was auch immer – zu fokussieren.

Die Menschen am Sterbebett können dabei unterstützen, sollten sich dabei aber selbst im Loslassen üben. Denn Sterbende wollen, dass es den Hinterbliebenen gut geht. Ein zu starkes Trauern und zu starkes Festhalten am Sterbenden erschwert diesem den Übergang.

7. Geheimnis: Die Liebe finden

„Es ist die Liebe, die uns trägt, wenn wir einen Sterbenden begleiten. Es ist die Liebe, die uns tröstet, wenn ein uns nahestehender Mensch stirbt. Es ist die Liebe, die bleibt, wenn er gegangen ist.“ Damit meint Mihm aber nicht die besitzergreifende Liebe, die das Loslassen erschwert, sondern die selbstlose, freilassende Liebe. „Jeder, der in dieser Art bedingungslos zu lieben verseht, wird kein Leid verspüren. Weil die Liebe ihn erfüllt und umhüllt.“

Oft es heißt es, je tiefer die Liebe ist, desto tiefer wird die Trauer ausfallen. Mihm hält das für falsch. Denn wahre Liebe haftet nicht, klammert nicht, sondern lässt los. Der Tod kann der Liebe nichts anhaben, weil er wie das Leben zur Liebe gehört. Daher gilt für Mihm: „Je tiefer die Liebe, desto weniger Trauer.“

Zum Abschluss ein paar Zitate aus dem Buch:

Wo der Tod ein Zeichen für das Vergängliche, das Sterbliche ist, steht die Liebe für den göttlichen Funken, für das Ewige, Unzerstörbare, Bleibende.

Damit eine Frau aktiv und bewusst gebären kann, braucht sie den kompetenten, einfühlsamen, respektvollen Beistand einer erfahrenen Hebamme. Sie gibt ihr das nötige Vertrauen, damit sie sich ganz dem archaischen Geschehen der Geburt überlassen kann. Wenn diese Voraussetzungen gegeben sind, geht eine Geburt fast immer gut. So ähnlich ist es auch beim Sterben. Mit dem Unterschied, dass es zurzeit noch keine Hebammen für die Geistesgeburt gibt.

Im Gebären und Sterben – bei diesen beiden Toren ins Leben hinein und aus ihm wieder heraus – braucht jeder Menschen eine Begleitung mit dieser Ausstrahlung, die Sicherheit vermittelt und Zuversicht. Damit die Geburt des Geistes und die Abnabelung von seiner irdischen Hülle gut verlaufen kann. Je bewusster wir den aktiven Sterbeprozess erleben können, desto größer wird das Glücksgefühl sein, danach nur noch reine Liebe zu sein, ohne jede Dualität. Darauf deuten auch viele Nahtoderlebnisse hin.

Im Sterbeprozess geht es darum, den Sterbenden von den körperlichen Symptomen, die mit der Ablösung der 5 Elemente zu tun haben, zu distanzieren, sodass der Geist sich konzentrieren kann auf das, was im Sterbeprozess wesentlich ist, auf die Anbindung an das Höhere, auf Gott, auf Mohammed, auf Jahve, auf Liebe oder auf was auch immer.

Bei Menschen ist die Möglichkeit zur spirituellen Entwicklung am größten – Tiere sind dazu nicht in der Lage. Diese Schulung des Geistes geschieht unabhängig vom Körper. Dieser ist lediglich ein Instrument, eine Hülle für das, was wir in diesem Leben erleben und erreichen sollen.

Heilung bedeutet für mich nicht, dass der Körper wieder funktionsfähig ist. Heilung bedeutet für mich ein inneres Heilwerden.

Ein Arzt, der nicht nur ein seelenloser Mediziner ist, kann immer etwas für einen Patienten tun – bis zu seinem letzten Atemzug. Etwas tun erschöpft sich nicht in der Verschreibung von Medikamenten oder der Durchführung von Hightech-Diagnostik, sondern kann auch heißen, menschlich für ihn da zu sein, ihm Massagen, Bäder und Gespräche mit entsprechenden Therapeuten zu ermöglichen.

Eine gute Pflege, eine qualifizierte Therapie und ein angemessener geistiger Beistand sind in der Lage, alle bösen Geister zu vertreiben.

Jeder Mensch wird in seinen letzten Tages oder Stunden spirituell. Mit der Zunahme der Spiritualität verschwindet die Angst vor dem Tod.

Bitte lest dieses Buch! Es ist nicht nur fesselnd und spannend, sondern verhilft uns, andere in ihrem Sterbeprozess sinnvoll zu unterstützten und unserem eigenen Tod mit anderen Augen entgegenzublicken.

mehr Infos und Bestellmöglichkeit z. B. bei unserem Partner buch7.de, dem Buchhandel mit der sozialen Seite>>*

Ich jedenfalls bedauere es, dass ich erst jetzt, nachdem meine Mutter und Vater bereits verstorben sind, auf dieses Buch und seine Autorin Dorothea Mihm gestoßen bin. Dann wäre vermutlich manches ganz anders abgelaufen …

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