Denn die Zeit ist reif

Haben Sie schon mal überlegt, wie es wäre, wenn der Staat Ihnen Monat für Monat ein Gehalt allein dafür zahlen würde, dass Sie die Welt mit Ihrer Existenz bereichern? Sie bräuchten dafür weder zu arbeiten noch irgendetwas zu leisten. Dieses Geld wäre an keinerlei Bedingungen geknüpft wie Alter, Gesundheitszustand, Geschlecht usw. Es stünde jedem Bürger zu – ohne Einschränkung – bedingungslos sozusagen.

So seltsam sich der Gedanke anhören mag jeden Monat Geld zu bekommen, ohne etwas dafür tun zu müssen, in absehbarer Zeit könnte sich die Idee vom sogenannten bedingungslosen Grundeinkommen auch auf politischer Ebene durchsetzen und unser Leben revolutionieren. Der Gedanke, der dahinter steht: Jedem Bürger steht als Grundrecht ein Einkommen zu, das ihm ermöglicht am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen und das ihn befähigt in aller Ruhe herauszufinden, wie er sich nutzbringend in die Gesellschaft einbringen kann.

Die Höhe des Grundeinkommens muss also derart bemessen sein, dass für das tägliche Leben gesorgt ist, sprich Kosten für Wohnung, Nahrung, Bekleidung, Fortbewegung und das Teilnehmen an gesellschaftlichen Unternehmungen dadurch abgedeckt wären. Wer mehr will, der darf natürlich auch etwas dazu verdienen. Muss er aber nicht. Je nachdem welchen Blickwinkel man aufsetzt, wären das in der heutigen Zeit zwischen 750 bis 1500 Euro für jeden von uns und das Monat für Monat.

Unvorstellbar? Utopisch? Oder gar gefährlich?
Bei vielen löst der Gedanke an ein Einkommen, das jedem Bürger bedingungslos ausgezahlt wird, Widerstände aus. Wer soll das bezahlen? Geld ohne Leistung, das fördert doch all das Schmarotzerdasein und davon haben wir ja bereits mehr als genug. Viele tun diese Idee daher als utopisches und sogar gefährliches Wunschdenken ab, das von denjenigen angezettelt wird, die den Rest ihres Lebens gern bequem und faulenzend in der Hängematte oder auf der Couch verbringen wollen.

Dabei wird das Modell des Grundeinkommens schon lange auf politischer Ebene diskutiert und findet immer mehr Anhänger, gerade aus den oberen Bil- dungsschichten. Und da unser Sozial-, Arbeits- und Wirtschaftssystem mehr als marode ist und die Anhänger des Grundeinkommens mittlerweile sehr konkrete Pläne für die praktische Umsetzung aufweisen können, könnte es bald für jeden von uns wichtig sein, sich mit der dahinter stehenden Idee einmal näher zu beschäftigen.

Die Idee
Die Befürworter sehen im bedingungslosen Grundeinkommen ein Naturrecht des Menschen, durch das Werte wie Freiheit und Entwicklung überhaupt erst ermöglicht werden. Wie kann ich mich wirklich frei entfalten, herausfinden, wer ich bin und wie ich mich sinnhaft in die Gemeinschaft einbringen kann, wenn ich einen Großteil meiner Lebenszeit und Energie damit verbringen muss, das nötige Geld für meinen Lebensunterhalt zu verdienen? Durch das geltende System werden wir fast dazu genötigt einer Arbeit nachzugehen, selbst wenn sie keinen Spaß macht oder uns nicht inspiriert. Schlimmer noch, unter den momentanen Bedingungen fühlen sich die meisten von uns, sogar dazu verpflichtet auch unter nicht würdigen Bedingungen arbeiten zu gehen, gerade dann, wenn sie Familie zu versorgen haben.

Mit einem Grundeinkommen könnte das nicht passieren. Wer weiß, dass für seinen Lebensunterhalt (und den der Familie) gesorgt wäre, wäre nicht auf einen Arbeitsplatz angewiesen. Erst durch dieses Gefühl der Unabhängigkeit, so die Befürworter, wäre es dem Einzelnen möglich seine Rechte auch vor dem Arbeitgeber zu behaupten und nötigenfalls die betreffende Stelle hinter sich zu lassen, sofern keine angemessene Einigung über die Arbeitsbedingungen wie Arbeitszeit, -umfeld und Lohn gefunden werden kann. Das Grundeinkommen würde also die Rechte der Arbeitnehmer immens verstärken. Niemand wäre mehr auf irgendeinen Ausbeuterjob angewiesen und auch das Thema Mobbing hätte wohl ausgedient.

„Und wer macht dann bitteschön die so genannte „Drecksarbeit“?“, fragen sich dann viele. Da natürlich auch in einem System mit Grundeinkommen zusätzliches Geld verdient werden darf, müssen solche Arbeitsplätze halt entsprechend attraktiv gestaltet werden. Das heißt, wenn wir als Bürger den Wert von Müllabfuhr, Pflegepersonal oder sonstigen Berufen als solches erkennen, dann müssen wir auch dementsprechend attraktive Arbeitsbedingungen bieten, wie flexible Arbeitszeiten oder eine entsprechende Vergütung.

Wenn ich als Unternehmer meine Räumlichkeiten also nicht selbst putzen möchte, die Bürotätigkeiten weiter durch die Sekretärin ausführen lassen möchte, dann muss ich mich mit den Beschäftigten auf Bedingungen einigen, mit denen sie einverstanden sind. Das könnte dann unter Umständen dazu führen, dass ich mehr Lohn zahlen muss, die Arbeitszeiten flexibler gestaltet werden können oder einfach ein entspannteres Arbeiten ermöglicht wird. Schließlich wäre niemand mehr auf irgendeinen Job angewiesen.

Als Arbeitnehmer wären wir durch ein Grundeinkommen also viel eher in der Lage unsere Bedürfnisse zu äußern und dafür auch einzustehen. Und als Arbeitgeber wären wir verpflichtet den entsprechenden Wert einer Arbeit auch zu entlohnen. Nicht auszuschließen, dass durch das Grundeinkommen das gesamte Arbeitssystem mit seinen bislangen Hierarchien sich verändern würde und es mehr in Richtung Kooperation auf gleicher Augenhöhe, Selbstständigkeit und Frei- beruflerdasein ginge.

Ja aber was, wenn dann niemand mehr arbeiten gehen und jeder nur noch auf der faulen Haut liegen wollen würde, der zweiter Einwand, der beim Thema Bürgereinkommen schnell aufkommt. Doch glauben Sie das wirklich?

Die meisten, die gegen das Grundeinkommen sind, führen genau dies als Argument dagegen an, weil sie dann eine Welt voller Faulpelze befürchten. Doch wissen Sie, was das Lustige daran ist? Umfragen haben ergeben, dass wir seltsamerweise meinen, dass mehr als 80% der anderen, dann nur noch auf der faulen Haut liegen wollen würden. Von sich selbst würden das jedoch nur 10% behaupten. Schon krass, dass wir über die anderen so ein schlechtes Bild haben, und die anderen ja dann auch wiederum von uns.

Und jetzt einmal Hand aufs Herz. Was würden Sie denn tun, wenn sich die Idee vom Grundeinkommen verwirklichte? Würden Sie nur, weil es ein Grundeinkommen gäbe, Ihren Job hinschmeißen und den lieben langen Tag nur noch Däumchen drehen oder wäre Ihnen das auf Dauer dann nicht doch zu langweilig?

Umfragen zufolge geben zwischen 70 bis 90% der Befragten an, erstmal weiter arbeiten gehen zu wollen, okay vielleicht würden sie sich mehr für bessere Arbeitsbedingungen einsetzen, nach einer Lohnerhöhung fragen, die Arbeitszeiten verkürzen oder sich gegebenenfalls nach einem neuen Job umsehen, aber sie würden weiter arbeiten gehen wollen. Und nur 10-20% der Befragten behaupten dann erstmal gar nichts mehr machen zu wollen, verreisen, lesen oder faulenzen zu wollen. Ja und dann? Was glauben Sie, wie lange würde Ihnen so ein „in-den-Tag-hinein-träumendes-Leben“ Erfüllung und Sinn bringen? Wie lange würde es dauern, bis Ihnen so ein Leben langweilig werden würde und Sie sich nach einem Sinn umsehen würden?

Würde diese Auszeit nicht vielmehr die Möglichkeit dafür öffnen herauszufinden, was man wirklich vom Leben möchte, wo die eigenen Talente und Interessen liegen, um sich dann sinnvoll in die Gemeinschaft einzubringen?

Auch wenn die Idee vom bedingungslosen Grundeinkommen sicherlich nicht alle momentanen Probleme im Lösen kann und die Realisierung uns vor neue Herausforderungen stellt, so finde ich doch, dass diese Idee uns dazu inspirieren kann über gewohnte Denkmuster hinaus zu denken, um uns wieder mit Fragen zu konfrontieren, für die es sich wirklich lohnt, einen Teil der Lebensenergie zu investieren.

Mehr zum Thema Grundeinkommen, dessen Idee hier nur in aller Kürze und Begrenztheit vorgestellt wurde, finden Sie zum Beispiel unter:
http://www.initiative-grundeinkommen.ch oder http://www.grundeinkommen.tv/

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