Die Furcht vorm Bewusstwerden – Was hält uns davon ab, bewusster zu werden?

Unsere Überzeugung bewusst zu sein ist eine unserer mächtigsten Illusionen. Wir halten uns für bewusst und frei in unseren Entscheidungen. Die Realität sieht gewöhnlich jedoch anders aus. Wie sonst lassen sich zum Beispiel unliebsame Angewohnheiten oder Neigungen erklären? Ist es nicht allzu oft so, dass wir in einem Moment einen Entschluss fassen und nur kurze Zeit später entgegen­gesetzte Handlungen vornehmen?

Ein paar typische Beispiele für unsere Unbewusstheit wären:

  • Der eine will sich das Rauchen abgewöhnen, doch in der nächstbesten Stresssituation wird abermals zum Klimmstängel gegriffen.
  • Ein anderer entschließt sich zum Kampf mit den überflüssigen Pfunden, doch nur wenige Tage nach Diätbeginn, werden die guten Vorsätze durch auf- kommende Gelüste nach kalorienreichen Köstlichkeiten durchkreuzt.
  • Wieder andere nehmen sich vor, verständnisvoller im Umgang mit Partner, Kindern, Freunden oder sich selbst zu sein, doch bei erneuten Konflikten wird erneut nach herkömmlichen Mustern reagiert.

Es ist gar nicht so leicht, aus dem Kreislauf alteingefleischter Verhaltensmuster auszubrechen. Der Grund dafür liegt darin, dass wir nicht nur „einer“ sind. In einem Moment entscheidet ein Teil unserer Persönlichkeit, in einem anderen Moment ein anderer Teil. Manchmal können die verschiedenen Persönlichkeits­anteile in uns sogar völlig entgegengesetzte Bestrebungen haben. Das kostet nicht nur Unmengen an Energien, sondern blockiert unsere Weiterentwicklung.

Selbst dann, wenn wir nichts von diesen Kämpfen in uns wahrnehmen, bleiben sie nicht wirkungslos. Die uns zur Verfügung stehende Energie wird geraubt und das Erreichen von Zielen wird erschwert.

Unser Anliegen kann es daher nur sein, „einer“, sprich eine Gesamtpersönlichkeit zu werden. Erst, wenn wir diese Kämpfe hinter uns lassen, kann sich unser volles Potenzial entfalten, können wir wirklich frei in unseren Entscheidungen werden und als eine Ich-Persönlichkeit Ziele verfolgen und damit auch erreichen. Das ist natürlich leichter gesagt als getan. Zu sehr hängen wir an der Illusion bereits heute ein einzelnes „Ich“ zu sein, bewusst zu sein und als eine Gesamtpersön­lichkeit entscheiden zu können.

Erst, wenn wir bereit sind, uns und unser Verhalten genauer zu beobachten, werden wir erkennen, dass viele, zum Teil sich blockierende Persönlichkeits­anteile in uns vorherrschen. So unangenehm das auch erstmal scheinen mag, dies ist der erste Schritt in Richtung Bewusstwerdung. Doch selbst dazu sind viele von uns nicht bereit. Wieso eigentlich?

Was hält uns davor ab, bewusster zu werden?
Nun ja, was glauben Sie, was passiert, wenn wir bewusster werden? Könnte es sein, dass wir insgeheim Angst davor haben, dass ein „Bewusster-werden“ be­deutet, wir müssten unser Leben auf den Kopf stellen?

Was, wenn uns auf einmal bewusst werden würde, dass wir den „falschen“ Partner oder die „falschen“ Freunde ausgewählt haben? Was, wenn wir uns ein­gestehen müssten, dass unsere momentanen Ernährungs- und Bewegungs­gewohnheiten zu wünschen übrig lassen oder uns klar wird, wie frustrierend es ist, fast die Hälfte unseres Wachbewusstseins damit zu verbringen Geld zu scheffeln bzw. unser Überleben zu sichern?

Wenn Ihnen solche oder ähnliche Befürchtungen beim Thema „Bewusstwerden“ in den Sinn kommen, dann hängt das wahrscheinlich damit zusammen, dass Sie, wie viele andere auch, eine etwas verwirrte Vorstellung vom Bewusstwerdens-Prozess haben.

Viele Menschen haben insgeheim abgespeichert, dass Bewusstwerden mit Leid, Anstrengung und gravierenden Umwälzungen verbunden ist. Ist es da ein Wun- der, dass wir uns lieber davor drücken?

Ja, bewusster werden, ist nicht immer angenehm
Und ja, wahrscheinlich ist es unvermeidbar, dass ein „Bewusster-werden“ erst einmal mit Unannehmlichkeiten verbunden ist. Wer findet es schon angenehm, sich seine eigenen Schattenseiten anzusehen und das anzuschauen, was im eigenen Leben und in der Welt gerade nicht so optimal läuft? Schließlich bedeutet Bewusster-werden, zunächst einmal Licht ins Dunkel bringen.

Doch meinen Sie nicht auch, dass ein Ignorieren bzw. Wegschauen hier fehl am Platz ist?! Schließlich ändert das ja nichts an den Tatsachen. Wenn wir ernsthaft darum bemüht sind, bewusster zu werden, um endlich aus unserem vollen Potenzial schöpfen zu können, kommen wir vermutlich nicht darum herum unsere Augen, für das, was ist zu öffnen.

Andererseits möchte ich Sie beruhigen. Ich glaube nicht, dass beim Bewusst­werdens-Prozess irgendetwas vorgeschrieben ist. Es gibt keine To-Do- bzw. Don´t-Liste. Niemand hat uns vorzuschreiben, was wir aufgrund unserer neu ge­wonnen Erkenntnisse zu tun bzw. zu unterlassen haben.

Niemand verbietet Ihnen, sich weiterhin Ihrer Genussmittel zu bedienen oder anderer Ihrer Neigungen nachzugehen. Niemand schreibt Ihnen vor sich von Ihrem Partner zu trennen, den Job zu kündigen oder Freundschaften zu beenden. Sie allein machen die Spielregeln, niemand sonst.

Sicherlich, wenn das Bewusstsein erwacht, wir Beziehungen, Verhaltensmuster und Denkgewohnheiten auf einmal mit neuen Augen betrachten kann es passieren, dass der Wunsch zu Veränderungen aufkommt. Dieser Wunsch ent­steht dann jedoch aus unserem Inneren heraus und nicht, weil er von außen vor­geschrieben wurde.

Und seien Sie sich sicher, wenn wir bei diesem Prozess des „Bewusster-werdens“ vor allem auf unser Inneres lauschen, werden die Änderungen, die sich dadurch einstellen, unser Leben vielmehr bereichern als belasten. Auch, wenn wir durch diesen Prozess mit vielen Gewohnheiten brechen, Beziehungen hinter uns lassen, Neigungen überwinden und uns beruflich verändern werden, nichts von alledem wird uns schaden, sondern vielmehr unser Leben auf umfassende Weise be­reichern.

In diesem Sinne, freuen Sie sich auf Ihren Bewusstseinsprozess und denken Sie daran, nichts und niemand außer Ihnen selbst, kann Ihnen vorschreiben, was Sie tun und zu unterlassen haben. Sie allein sind der Boss!

Bildrechte: © Susi Berk Wasser-Impressionen

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