Muskuläre Dysbalancen – Ein Ungleichgewicht in der Muskulatur

Ungleichgewicht in der Muskulatur verhindert Bestleistungen und provoziert Verschleißerscheinungen

Ein Ungleichgewicht in unserer Muskulatur begrenzt nicht nur die Entwicklung der Leistungsfähigkeit, sondern ist auch eine der Hauptursachen für Verschleiß und Verletzungen.
Muskuläre Dysbalance, was ist das jetzt schon wieder?

Übersetzt bedeutet das soviel wie ungleichmäßige Muskelentwicklung. Das heißt, der Spannungszustand unserer Muskulatur ist aus dem Gleichgewicht geraten. Einige Muskelgruppen oder auch nur Teilbereiche von Muskelgruppen weisen eine zu hohe Spannung auf, andere dafür eine zu niedrige.

Die meisten Menschen, darunter auch viele begeisterte Sportler haben ein un­ausgewogenes Spannungsverhältnis in der Skelettmuskulatur. Die Spannungs­zustände – egal ob im Bewegungs- oder Ruhemodus – können sich von Muskel zu Muskel sehr stark unterscheiden. Manche Muskelgruppen weisen mehr Spannung auf als andere, was nicht nur deren Funktionsfähigkeit stark ein­schränkt, sondern auch die der benachbarten oder gegenüberliegenden Muskeln.

Das hat nicht nur mit der Ausprägung, sprich dem Trainingszustand der einzelnen Muskeln zu tun, sondern auch mit chronischen Spannungen und Verkürzungen.

Der Vergleich mit dem Segelschiff

Betrachten wir unseren Bewegungsapparat bezüglich der aufrechten Körper­haltung, so lässt sich unsere Körperstatik ein wenig mit der Statik und Kräftever­teilung eines Segelschiffs vergleichen. Der Mast eines Segelschiffes ist die Basis der Segel, die das Schiff mit Hilfe des Windes antreiben. Damit der Mast selbst bei starkem Wind senkrecht aufgerichtet bleibt, ist es wichtig, dass die Taue, die ihn stabilisieren, alle eine gleichmäßige Spannung aufweisen.

Bei unserem Bewegungsapparat könnte man die Wirbelsäule mit dem Mast ver­gleichen. Damit wir in Ruhe und Bewegung unsere aufrechte Körperhaltung beibehalten können, ohne dass wir zu viel Kraft aufwenden müssen, ist es wichtig, dass alle daran mitwirkenden Kräfte im Gleichgewicht sind.

Unsere Taue sind die verschiedenen Muskelgruppen, die in Form von Muskel­ketten zusammenarbeiten. Auch die Faszien, Bänder und Sehnen, sprich unsere Binde- und Stützgewebe wirken an der Kräfteverteilung mit. Sie unterstützen die Aktivität der Skelettmuskulatur, sie arbeiten praktisch mit ihr zusammen.

Alle wirkenden Kräfte müssen gleich groß sein

Damit unsere Wirbelsäule bzw. unser gesamter Bewegungsapparat in der auf­rechten Position gehalten und bewegt werden kann, ist es erforderlich, dass alle darauf einwirkenden Kräfte gleich stark sind. Sind die Kräfte und Spannungs­zustände der Körpervorderseite höher als die der Körperrückseite, oder die der linken Körperhälfte größer als die Kräfte der rechten Hälfte, so kommt es rein statisch betrachtet zu einem Kräfteungleichgewicht. Muskuläre Dysbalancen sind häufig die Ursache für ein solches Kräfteungleichgewicht.

Das erfordert dauerhaft ein Mehr an Energie, um die „normale Körperhaltung“ in Ruhe und Bewegung beizubehalten. Zu hohe Spannungen müssen genauso kompensiert werden, wie zu niedrige Spannungen. Das kann dauerhaft zu einer chronischen Erschöpfung einzelner Strukturen führen, was mit der Zeit auch häufig zu degenerativen Veränderungen führt.

Gelenkarthrose, Bandscheibenvorfälle, Hexenschuss, Ischiasprobleme, Ver­spannungen des unteren Rückens und des Nackens mit dauerhafter Komprimierung der Nerven sind nur einige Beispiele.

Solche Symptome, bahnen sich langfristig an und entwickeln sich so subtil und schleichend, dass wir sie oft gar nicht bemerken. Wir registrieren meistens nicht, wie sich unsere Haltung über die Jahre verändert und wir dem Kräfteungleich­gewicht immer mehr nachgeben. Viele Menschen scheinen im Laufe des Lebens immer krummer und schiefer zu werden, haben aber das Gefühl vollkommen aufrecht durchs Leben zu gehen.

Auch plötzlich auftretende Verletzungen beim Sport und der Arbeit, wie eine Zerrung, ein Muskelfaserriss usw. sind häufig die Folge von chronisch über­strapazierten Strukturen, die durch eine plötzliche, hohe Krafteinwirkung einfach zusammenbrechen.

Die Entfaltung unseres körperlichen Potenzials wird gebremst

Solche ungleichmäßigen Spannungszustände rauben nicht nur Energie und provozieren Verletzungen und Schäden. Sie bremsen auch die Entfaltung unseres körperlichen Potenzials, die Entwicklung unserer maximalen Leistungsfähigkeit.

Einer meiner Tai Chi Lehrer hat einmal gesagt, dass der Körper von Natur aus sehr, sehr stark sei, wenn alles in Harmonie ist. Die Leistungen von Spitzen­sportlern und Olympiasiegern seien bei Weitem nicht das Maximum, was unsere körperliche Leistungsfähigkeit angehe. Viele Kampfkünstler, wie zum Beispiel die Shaolin-Mönche übertreffen die Leistungen vieler Spitzensportler um einiges.

Das Problem sei allerdings, dass die meisten sich mit ihrer eigenen Kraft selbst blockieren. Das bedeutet soviel wie, dass nicht alle Teile des Körpers harmonisch zusammenwirken und sich so gegenseitig Kraft und Bewegungsfreiheit rauben. Befreien wir unsere Muskeln von Verkürzungen und chronischen Spannungen, können wir anfangen unser Potenzial gleichmäßig zu entwickeln.

Wie entstehen muskuläre Dysbalancen?

Hierzu gibt es beinahe unzählige Gründe und Ursachen. Schon allein die Tat­sache, dass wir alle als Rechts- oder Linkshänder eine Körperhälfte viel öfter einsetzen, führt mit der Zeit zu einem Ungleichgewicht.

Auch nicht zu unterschätzen ist die dauerhaft auf uns einwirkende Schwerkraft, die in jeder Situation und Körperhaltung gnadenlos nach unten zieht. Es gibt Muskelgruppen, die ausgehend von unserer aufrechten Körperhaltung mit der Schwerkraft zusammen nach unten arbeiten und andere, die uns gegen die Schwerkraft aufrichten.

Ganz klar haben diejenigen, die in dieselbe Richtung wie die Schwerkraft wirken einen riesigen Vorteil und neigen gerne zur Verkürzung. Die aufrichtenden Muskelketten haben es hingegen doppelt schwer. Sie müssen jetzt nicht nur die Gravitation überwinden, sondern auch noch die erhöhte Muskelspannung der verkürzten, nach unten ziehenden Muskelketten.

Zudem spielt auch das, was wir häufig praktizieren eine sehr große Rolle. Unsere Gewohnheiten, wie wir alltägliche Bewegungen ausführen, wie wir uns halten im Stand, im Sitzen, beim Stellen, Hinsetzen, Heben, Tragen usw. gehen uns mit der Zeit in Fleisch und Blut über. So verlaufen scheinbar kleine Alltagshandlungen wie Zähneputzen, Schuhe binden usw. immer gleich ab.

Auch bei den meisten Arbeitsvorgängen und Sportarten dominieren immer be­stimmte Bewegungs- und Haltemuster, die uns mit der Zeit aus dem Gleich­gewicht führen können.

Und nicht zu vergessen sind unsere Psyche, Gedanken und Emotionen. Auch sie wirken sich direkt auf die Muskelspannung aus. Stress und Leistungsdruck führen häufig zu Verspannungen und Niedergeschlagenheit mittels Spannungs­verlust. Oft spiegelt die äußere Körperhaltung auch unsere inner Haltung wieder. Denn schließlich werden sowohl unsere Gedanken als auch unsere Bewegungen von ein und demselben Nervensystem, den selben „grauen Zellen“ koordiniert.

Zurück ins Gleichgewicht

Was können wir tun, um unseren Bewegungsapparat wieder in Harmonie zu bringen? Das Schlüsselwort heißt Bewusstsein. Bevor wir etwas ändern können, müssen wir uns zuerst einmal über den Stand der Dinge, den Ist-Zustand bewusst sein. Vorher fischen wir nur im Trüben.

Ein solches Bewusstsein über unsere Körperspannungen, unsere Haltungs- und Bewegungsgewohnheiten, das sogenannte Körperbewusstsein, ist trainierbar. Verschiedene Methoden der Körperarbeit, wie Feldenkrais, Alexandertechnik, Spiraldynamik usw. öffnen die Pforten unserer Wahrnehmung für Haltung und Bewegung. Auch östliche Ansätze wie Tai Chi, Qi Gong, Bauchtanz und Yoga vermitteln uns eine erweiterte und verbesserte Körperwahrnehmung und damit ein besseres Körpergefühl.

Sind wir uns über den Ist-Zustand bewusst, können wir aktiv Einfluss darauf nehmen. Deshalb ist die Entwicklung des Feingefühls und der Sensomotorik ein wichtiger Aspekt, sowohl für die Leistungsseigerung beim Sport als auch zur Vorbeugung von Verletzungen.

Haben wir ein klares Bild über unsere chronischen Dysbalancen können wir diese durch ein gezieltes Ausgleichstraining mit der Zeit in den Griff bekommen. Vieles löst sich allerdings auch schon auf, während wir solche Formen der Körperarbeit praktizieren.

Alltagstaugliche Tipps

Sie können auch jetzt sofort anfangen, Ihr Bewusstsein für ihren Bewegungs­apparat zu schulen.

  • Wie ist Ihre Körperhaltung jetzt gerade beim Lesen dieser Zeilen? Haben Sie, wie viele Menschen bei der Arbeit am PC auch Ihren Kopf vorgeschoben, den oberen Rücken ein wenig gerundet, die Schultern nach vorne gezogen? Dann setzen Sie sich jetzt bewusst aufrecht hin, die Schultern ruhen sanft oben auf und der Kopf ist weder nach vorne noch nach hinten geschoben.
  • Wie sitzen Sie und wie stehen Sie vom Sitzen wieder auf? Und wie stehen Sie z.B. beim Warten in der Schlange im Supermarkt? Sind Ihre Knie durchgedrückt, stehen Sie mehr auf den Fersen oder den Vorfüßen, mehr auf dem rechten oder dem linken Bein? Lassen Sie die Knie beim Stehen leicht gebeugt und versuchen Sie das Gewicht Ihres Körpers gleichmäßig auf Ihren Füßen zu verteilen.
  • Mit welcher Hand putzen Sie sich die Zähne? Haben Sie schon einmal versucht, diese Arbeit mit der anderen Hand auszuführen?

Solche Beobachtungen lassen sich ausweiten auf das Gehen, Laufen, Heben, Tragen, wie wir beim Sport und der Arbeit bestimmte Bewegungen ausführen usw. Anregungen zur besseren Wahrnehmung der eigenen Körperhaltung finden Sie hier>>
Zu einem guten Aufwärmtraining vor dem Sport gehört auch eine bewusste Aktivierung unseres Körperbewusstseins. Deshalb führen viele Sportler vor dem eigentlichen Training ein paar „Trockenübungen“ durch. Die Bewegungsabläufe werden zuerst visualisiert und dann langsam und bewusst durchgegangen, bevor sie mit der eigentlichen Übung beginnen.

Zum Abschluss

Vielleicht haben Sie jetzt zum ersten Mal in Ihrem Leben etwas von muskulären Dysbalancen und deren möglichen Ursachen und Auswirkungen erfahren. Lassen Sie die Informationen zuerst einmal auf sich wirken.

Sie haben ab jetzt alle Zeit der Welt, sich dieses Thema zu erschließen. Über­stürzen Sie nichts, gehen Sie es langsam an, es ist eine langfristig angelegte In­vestition, die Ihnen nicht nur helfen kann Ihre Leistungen zu verbessern, sondern auch alltägliche Dinge leichter und energiesparender zu erledigen. Zudem haben Sie damit die Möglichkeit, aktiv Verschleißerscheinungen und Überlastungs­schäden vorzubeugen.

Bildrechte:  aboutpixel.de © Matthias Pätzold Segelyacht Anitra

Jens Sprengel

Jens Sprengel

Jens ist Gründer und Betreiber von inspiriert-sein.de und schreibt zu den Themen Beweglichkeit & Körpertraining, Selbstheilungskräfte aktivieren & Gesundheitsoptimierung u.v.m.

Jens ist staatlich anerkannter Heilpraktiker, Cransio-Sacral-Therapeut, Personaltrainer, Verleger und Autor
Jens Sprengel

2 Kommentare zu “Muskuläre Dysbalancen – Ein Ungleichgewicht in der Muskulatur

  1. Werter Herr Sprengel,
    nicht alleine die Bewegungsausführungen mit den Gliedmaßen der dominanten Körperhälfte macht den Schaden aus,vielmehr sind einseitig betriebene Sportarten schuldig, da sie für die optimalen Bewegungsabläufe(Technik) die hierfür notwendigen Muskeln (rechts oder links) vorrangig beanspruchen.Hierfür ist der Automatismus genau so wichtig wie beim Schreiben, Zähneputzen, Treppensteigen u.u.u. So wird der Fußballspieler natürlich ein anderes Muskelkorsett aufweisen wie der Schwimmer. Beim Letztgenannten kommt es sogar noch auf die Stilartan.Dass sich hier gezwungenermaßen Dybalancen entwickeln, die in späteren Jahren zu orthopädischen Problemen führen, dürfte doch klar sein. Ein klassisches Bespiel sind hier Lang-und Marathon-Läufer, wo jeder zweite Hüftgelenkverschleiß zu beklagen hat, da nach Berechnungen,z.B.bei einem 75 kg schweren Athleten auf 1000m ca.138 000 kg auf jedes Hüftgelenk auftreffen (2-3 faches Körpergewicht). So wie im Fußball die Knieprobleme vorrangig rangieren.So werden auch im Turnen, welches ja fast alle über 600 Skelettmuskeln beansprucht, die „Totalausfälle“, oft genug schon im Wachstum, totgeschwiegen.
    Nun wir sollten es unterlassen die Sportarten zu verherrlichen, sondern all- und vielseitige, Bewegungsangebote anbieten, die auch wirklich Gesundheit garantieren.

    H.Düllmann

    • Sehr geehrter Herr Düllmann,

      mit Ihren Ausführungen haben Sie völlig recht. Einseitige Bewegungen, egal ob im Alltag oder beim Sport ausgeführt, führen zwangsläufig zu Dysbalancen. Wer trotzdem nicht auf solche Sportarten verzichten möchte, sollte zumindest Ausgleichsbewegungen vollführen. Ebenfalls wirken gezielt ausgeführte Dehn- und Streckübungen vorbegend und lindernd. Und natürlich stimmen wir Ihnen auch in diesem Punkt zu: Besser ist es gleich auf Bewegungsarten umzusteigen, die den Körper in seiner Ganzheit beanspruchen.

      Viele Grüße vom Inspiriert-Sein Team

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