Ein Anwendungsbeispiel für das Wertequadrat von Schulz von Thun

Der Ernst des Lebens – Persönlichkeitsentwicklung mit Hilfe des Wertequadrats

Die theoretischen Hintergründe vom Modell des Wertequadrates nach Schulz von Thun haben wir bereits hier erläutert. Heute möchte ich Ihnen gerne ein kleines Beispiel dafür geben, wie man das Modell praktisch anwenden kann.

Der Ernst des Lebens
Gelegentlich fällt mir auf, wie ernst ich doch so alles nehme. Und ich meine damit nicht die großen Sachen von Welt, sondern die kleinen, alltäglichen Dinge, die streng genommen eigentlich als Banalitäten gewertet werden könnten. Wenn das Auto zum TÜV muss, im Haushalt die Elektrik streikt, es beruflich eine Deadline einzuhalten gilt oder auch nur, wenn Besuch kommt, den ich ver­wöhnen möchte. Ich nehme das alles furchtbar ernst und wichtig. Ich stresse mich also selbst, um die Angelegenheit so schnell bzw. so gut wie möglich zu erledigen. Was dabei leider nur allzu oft auf der Strecke bleibt, ist der Humor – oder anders ausgedrückt die Freude am Leben. Mir fehlt in solchen Dingen ein­fach eine Prise Leichtigkeit und Gelassenheit. Und das muss nicht sein.

Weil sich dieses Verhaltensmuster andauernd wiederholte, habe ich mir einfach mal das Modell des Wertequadrats des Kommunikationsexperten Schulz von Thun zur Hand genommen und versucht, herauszufinden, was hinter diesem Muster stecken könnte.

Noch mal kurz für diejenigen unter Ihnen, die den Artikel über das Wertequadrat verpasst haben und am liebsten gleich hier weiterlesen möchten, ein paar Worte über das Modell:

Als Grundannahme wird davon ausgegangen, dass hinter jeder sogenannten ent­arteten Eigenschaft eine sinnvolle Komponente steckt, egal wie lasterhaft sie sich auch anfühlen mag. So verbirgt sich hinter einem Geizhals die wertvolle Fähig­keit des Sparenkönnens; in der Feigheit steckt die wachsame Vorsicht und hinter dem laut brüllenden und dominanten Chef, ein Mensch, der sich durchzusetzen weiß. Hinter allem „Schlechten“ steckt also auch etwas „Gutes“.

Schulz von Thun hat dabei herausgefunden, dass die an sich wertvolle, sinnhafte bzw. gute Eigenschaft erst dann zu einer Art „Über“-Eigenschaft (also zum zu viel des Guten wird), wenn man den Bezug zum anderen Ende des Poles verloren hat. So gehört zur Sparsamkeit eben auch die Fähigkeit Geld sinnvoll auszu­geben, sonst verrutscht die Sparsamkeit leicht in den Geiz. Und ohne die Fähig­keit sparsam mit seinem Geld umzugehen, gerät man schnell in die Ver­schwendung. Jede Eigenschaft braucht also ihren Gegenpol, damit sie nicht in ein Extrem abrutscht und damit zu viel des Guten an den Tag legt.

Mit diesem Hintergrund habe ich mich dann also gefragt, was denn nun dahinter steckt, dass mir der Ernst des Lebens oft so schwer zu schaffen macht und ich selbst den Eindruck habe, dass mir Gelassenheit und Leichtigkeit dadurch oft verloren gehen.

Zunächst einmal wurde mir sehr schnell klar, dass ich ein ernsthaftes Vorgehen generell als wertvoll betrachte. Wer ohne eine gewisse Ernsthaftigkeit an die Sache geht, rutscht meiner Meinung nach schnell in eine Art Soft-Variante und erledigt die Dinge nicht so gewissenhaft, wie es meines Erachtens sinnvoll ist. So wurde mir klar, dass ich insgeheim ziemliche Furcht davor habe, zu lässig oder zu soft sein. Ich fürchte, wenn ich zu gelassen an die Sache herangehe, eine Art Gleichgültigkeit und ich dann schließlich keine Motivation mehr finde, über­haupt etwas zu machen. Daher mein Ernst. Problematisch ist aber, dass dadurch, dass ich mich insgeheim so sehr vor dieser Eigenschaft der Lässigkeit fürchte, zu viel des Guten beim Thema Ernsthaftigkeit an den Tag lege und mir dabei, wie gesagt, die das Leben bereichernde Prise Leichtigkeit und Gelassenheit verloren geht.

Es ist typisch, dass wir dort, wo wir dazu tendieren eine Eigenschaft zu extrem auszuleben, den Gegenpol fürchten.

Ernsthaftigkeit/Gewissenhaftigkeit Gelassenheit/Humor
Bitterböser Ernst/Verbissenheit Alles-egal-Haltung/Albernheit

Oben im Wertequadrat stehen die zwei an sich wertvolle Eigenschaften nur mit umgedrehten Vorzeichen. Verliert man die Balance zwischen beiden, rutscht man schnell in die unteren Extrema. Wer zu einem Extrem neigt, dem fehlt eine Prise der oberen, diagonalen Eigenschaft und fürchtet sich oftmals vor dem Abrutschen zum anderen Extrem.

Ich mit meiner übertriebenen Ernsthaftigkeit fürchte mich also vor einer Alles-egal-Haltung. Mir fehlt eine Prise Gelassenheit und Humor.

Wozu hilft mir diese Erkenntnisse?
Nun gut, nachdem mir also klar wurde, was mir fehlte, habe ich mich mein Augenmerk verstärkt auf die Situationen gerichtet, in denen ich mal wieder zu ernst wurde, mir also auffiel, dass mir die Freude am Leben verloren ging. Ich habe dann ein paar Momente tief durchgeatmet und mir zunächst einmal Ver­ständnis bzw. Einfühlung für mein Verhalten gegeben und in etwa folgende Worte an mich gerichtet:

„Okay, ich sehe, ich gehe mal wieder zu ernst an die Sache heran. Das rührt jedoch nur daher, dass ich insgeheim, wahrscheinlich durch meine Kindheit ge­prägt, sehr viel Furcht vor einer zu lässigen Haltung habe. Ja, ich habe Angst davor, dass die Dinge, die man zu lässig oder zu albern angeht, nicht so gut oder so effizient wie möglich gemacht werden. Das würde ich sehr schade und als eine Art Verschwendung ansehen. Aber ich weiß auch, dass ein gesundes Maß an Ernsthaftigkeit ohne eine Prise Humor oder Leichtigkeit sehr schnell in bitteren Ernst bzw. eine Art Verbissenheit umschlägt. Das nimmt mir nicht nur die Lebensfreude, sondern verhindert ebenfalls, dass ich die Dinge so gut mache, wie ich eigentlich könnte. Was ich brauche, ist also etwas mehr Gelassenheit. Könnte ich vielleicht etwas humorvoller an die Sache herangehen? Ist das Leben nicht viel zu schade, um es mir durch meinen Überernst zu vermiesen?“

Diese Gedanken helfen mir, mich auf darauf zu besinnen, dass an sich jeder Moment des Lebens, der ohne Freude verbracht wird, eigentlich verschwendet ist. Dadurch gelingt es mir immer öfter, die Dinge etwas leichter und humor­voller zu nehmen. Das entlastet mich, führt mich wieder zu mehr Lebensfreude und wirkt sich auch für mein nahes Umfeld viel besser aus, da so aus einer ge­stressten und überforderten Marion eine etwas entspanntere und gelassenere Person wird.

Für mich jedenfalls ist die Arbeit mit dem Wertequadrat zu einem interessanten Werkzeug auf meinem Weg der Entwicklung und bei der Beratung von anderen geworden. Vielleicht können ja auch Sie einen Nutzen daraus schöpfen.

Bildequelle: pixelio.de © Gerd Altmann Zeitdruck

Marion Selzer

Marion Selzer

Marion beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Thema gesunder Lebensweise, insbesondere mit der Frage, wie sich die persönliche Ernährung optimieren lässt. Aus eigener Erfahrung weiß sie, wie schwer es sein kann, einen gesünderen Lebensstil zu praktizieren.

Mit ihren Artikeln möchte sie Mut machen, dass Veränderungen von Gewohnheiten möglich sind und sich lohnen.

Marion ist Dipl. Juristin, Mediatorin, Ernährungs- und Diätberaterin, psychologische Beraterin und Autorin
Marion Selzer

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1 Kommentar zu “Ein Anwendungsbeispiel für das Wertequadrat von Schulz von Thun

  1. Ich denke, dass die Kenntnis über das Wertequadrat jedem Menschen hilfreiche Dienste leisten kann/wird. Nur leider kennen es aus meiner Sicht viel zu wenige Menschen. Somit ist es schön, dass Sie das Thema Werte- und Planungsquadrat nach SvT aufgegriffen haben. Danke dafür! Beste Grüße aus Hamburg!

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