Das Wertequadrat (Entwicklungsquadrat) nach Schulz von Thun

Hinter jeder Untugend steckt eine Tugend

Haben Sie sich schon einmal überlegt, dass sich hinter jeder Untugend, Schwäche bzw. negativer Charaktereigenschaft eine Tugend, Stärke bzw. positive Eigenschaft steckt? Und dass zu jeder Tugend eine Art Schwestertugend gehört, damit aus einer Tugend keine Untugend wird?

Sie verstehen nicht so ganz, worauf ich hinaus möchte? Vielleicht kann folgendes Beispiel weiterhelfen:

Sparsamkeit ist eine an sich wünschenswerte Eigenschaft. Wer allerdings zu sparsam ist, wirkt schnell geizig und knauserig. Nur, in Verbindung mit einer gewissen Großzügigkeit oder der Kunst des sinnhaften Geldausgebens bleibt die Sparsamkeit eine wünschenswerte Tugend, ansonsten droht aus dem Sparer ein Geizhals zu werden. Umgekehrt gilt natürlich das Gleiche: Die Eigenschaft der Großzügigkeit rutscht schnell in eine Art Verschwendung, wenn nicht gleich­zeitig auch die Fähigkeit besteht, sparsam zu sein.

Bei den beiden Werten Sparsamkeit und Großzügigkeit handelt es sich daher nicht um unvereinbare Gegensätze, sondern um zwei Seiten einer Medaille. Das eine verrutscht ohne das andere schnell in ein nicht mehr gewünschtes Extrem (Sparsamkeit wird zu Geiz; Großzügigkeit wird zur Verschwendung).

 

Sparsamkeit Kunst Geld sinnvoll auszugebenGroßzügigkeit
Geiz Verschwendung

Oben im Wertequadrat stehen die zwei an sich wertvolle Eigenschaften nur mit umgedrehten Vorzeichen. Verliert man die Balance zwischen beiden, rutscht man schnell in die unteren Extrema. Wer zu einem Extrem neigt, dem fehlt eine Prise der oberen, diagonalen Eigenschaft und fürchtet sich oftmals vor dem Abrutschen zum anderen Extrem.

Der Kommunikationsexperte bezeichnet solche polaren Gegentugenden auch gerne als Schwestertugenden. (Sparsamkeit/Großzügigkeit; Vertrauen/Skepsis; Konfliktbereitschaft/Harmoniestreben usw.) Nur, wenn wir über beide Fähig­keiten verfügen bzw. in der Lage sind eine Balance zwischen zwei Schwester­tugenden herzustellen, verfügen wir über das volle Spektrum an Handlungsfrei­heit und können je nach Situation angemessen agieren.

In einem Fall kann es angeraten sein, die Zügel etwas kürzer zu spannen und den Euro zweimal umzudrehen, in anderen Situationen mag es angemessen erscheinen, etwas mehr Großzügigkeit an den Tag zu legen. Ein gesundes Verhalten kann also zwischen den beiden Polen/Schwertertugenden flexibel hin und her bewegt werden. Das richtige Maß hängt dabei von den jeweiligen Anforderungen der Situation ab.

Merke: Sparsamkeit und Großzügigkeit müssen also in Balance sein, sonst rutschen sie schnell in ihre Extrema und damit unerwünschten Übertreibungen wie Geiz und Verschwendung ab.

Typisch ist jedoch, dass wir generell mehr zu der einen oder anderen Eigenschaft neigen und damit ein Ungleichgewicht in unserem Verhalten provozieren. Vielleicht tendiert der ein oder andere unter Ihnen im Allgemeinen dazu Kosten zu sparen und nur das Notwendigste einzukaufen, andere unter Ihnen neigen eher dazu, das Geld mit vollen Händen auszugeben.

Unter diesem Gesichtspunkt betrachtet, kann uns das Wertequadrat auch als sogenanntes Entwicklungsquadrat dienen. Wenn wir unsere Schwächen im Sinne des Wertequadrats einmal näher beleuchten, wird schnell klar, in welche Rich- tung unsere Entwicklung zu gehen hat:

  • Vom Geiz geht es diagonal hoch zur Großzügigkeit.
    Der Geizhals sollte sich also im sinnhaften Geldausgeben üben.
  • Von der Verschwenung geht es diagonal hoch zur Sparsamkeit.
    Dem Verschwenderischen täte eine Prise Sparsamkeit nicht schlecht.

Was bringt die Arbeit mit dem Wertequadrat?

1. Wertequadrat als Entwicklungsquadrat
Wie wir bereits gesehen haben, kann das Wertequadrat als Entwicklungsquadrat dienen. Wenn wir unter einer bestimmten Eigenschaft leiden oder eine Schwäche an uns entdecken, können wir mithilfe des Wertequadrats erkennen, in welche Richtung es sich zu entwickeln gilt. Wer stets darum bemüht ist, es allen Recht zu machen und dabei seine eigenen Bedürfnisse auf der Strecke lässt, der ist gut damit beraten, einen gesunden Egoismus zu entwickeln. Und wer sich als zu dominant und kontrollsüchtig wahrnimmt, sollte sich einmal im Loslassen und Hingeben üben.

In der Kommunikationspsychologie ist das Wertequadrat nach Schulz von Thun daher zu einem wertvollen Werkzeug geworden, um entsprechende Maßnahmen herauszufiltern, die dem Klienten weiterhelfen können.

2. Wertequadrat als Chance hinter jeden Untugend eine Tugend zu erkennen
Außerdem hilft uns das Wertequadrat zu erkennen, dass hinter jeder Untugend oder Schwäche das Potenzial zu einer Tugend oder Stärke angelegt ist. Wer geizig ist, ist ein wenig zu sparsam; hinter jedem Tagträumer und Faulpelz steckt jemand, der es mit den an sich wertvollen Eigenschaften der Ruhe und Ge­lassenheit etwas zu sehr übertreibt und in jedem Sturkopf steckt jemand, der sich durchzusetzen weiß.

Wenn wir in der Lage sind, hinter jeder Untugend eine Tugend zu erkennen, kann das helfen uns selbst besser anzunehmen und gleichzeitig auch gegenüber dem Verhalten anderer mehr Verständnis aufzubringen. Schließlich wissen wir nun, dass in jeder Schwäche/übertriebenen Eigenschaft auch ein wertvolles Potenzial angelegt ist. Alles angeblich „Schlechte“ hat also einen positiven Kern.

3. Wertequadrat als Hilfe bei zwischenmenschlichen Konflikten
Und noch in einem weiteren Fall kann das Wertequadrat wertvolle Dienste leisten. Bei Konflikten im zwischenmenschlichen Bereich passiert es sehr leicht, dass wir unseren Gegner als einen Feind betrachten und ihn verteufeln. Er ver­körpert für uns negative Ansichten und Eigenschaften, wohingegen wir für das Gute und Wertvolle einstehen.

Ein Beispiel: Beim Thema Kindererziehung will unser Partner klare Grenzen festlegen, was unser Kind tun und lassen darf. Wir vertreten dagegen eher die Ansicht, dass ein Kind sich am besten entwickeln kann, wenn es frei und ohne viele Vorschriften von außen seine Erfahrungen sammeln kann. Wir beschuldigen unseren Partner dann vielleicht als zu streng und Oberbefehlshaber und er be­fürchtet bei unserer Laissez-Faire-Haltung, dass das Kind uns schon bald auf dem Kopf herumtanzen wird.

Wertequadrat:

freie Entfaltung Anleitung/ Führung
Laissez-Faire
mach doch, was du willst
strenge und starre Vorgaben

Mit Hilfe des Wertequadrats wird nun schnell klar, dass jeder von uns eigentlich für einen Wert auf der oberen Linie eintritt und es eigentlich nicht darum geht, den anderen zu verteufeln, indem wir ihn auf einen der unteren Untugenden ver­dammen, sondern dass jeder von uns einen Teil der Gesamtwahrheit betont und wir uns im Optimalfall ergänzen könnten.

Denn ohne ein gewisses Maß an Vorgaben wird aus der freien Entwicklungs­möglichkeit für das Kind ganz schnell eine orientierungsloses Laissez-Faire im Sinne von „mach doch, was du willst“ und umgekehrt, begünstigen zu viel An­leitung und zu viele Regeln eine starre und strenge Atmosphäre, in der das Kind zu sehr beschnitten wird.

Das Ziel eines zwischenmenschlichen Konfliktes liegt also in der Überwindung der anscheinenden Polarität, also der scheinbaren Unvereinbarkeit zweier an sich ergänzender Schwestertugenden. Die Erkenntnis, dass zwei Teilwahrheiten/ Schwestertugenden im Idealfall in einem flexiblen Ergänzungsverhältnis zueinander stehen, hilft in einem Konfliktfall von der Verteufelung des anderen abzulassen und zu erkennen, dass auch unser Gegner für einen wertvollen Teil­aspekt eintritt.

Ganz nach dem Motto: „So gefährlich ich Deine Ansichten auch finde, muss ich doch zugeben, dass aufgrund meiner eigenen Tendenz in nur eine Richtung, ohne dich aus meiner Tugend ganz schnell eine Untugend werden könnte. Gut also, dass es Dich gibt:-)!“

Übung:

1. Fertigen Sie zu jedem der folgenden Begriffe ein Wertequadrat an.

a) Ehrgeiz
b) Albernheit
c) Selbstaufgabe/Selbstaufoperung

Tipp: Überlegen Sie sich zunächst, ob es sich bei dem Begriff um eine Tugend oder eine Übertreibung/Entartung handelt. Eine Tugend kommt nach oben, eine Übertreibung nach unten (egal ob links oder rechts).

Finden Sie dann zu einer Tugend ihre Schwestertugend und zu einer Über­treibung die angelegte Tugend.

2. Überlegen Sie sich eine Ihrer Stärken. Fertigen Sie dazu ein Wertequadrat an. Danach gehen Sie entsprechend mit einer Ihrer Schwächen vor.

Lösungsvorschläge für Übung 1:

a)

zielstrebiger Ehrgeiz Entspannte Gelassenheit
Übertriebener Ehrgeiz/Nicht locker lassen können/
Verbissenheit
Faulheit/Trägheit/ übertriebene Passivität

b)

Ernsthaftigkeit Humor
Bitterböser Ernst/
Verbissenheit
Albernheit

c)

gesunder Egoismus Die Fähigkeit an andere zu denken
Egozentrik/ selbstsüchtige Ich- bezogenheitich sehr nur mich selbst Selbstaufgabe/
Selbstopferungich sehe nur die anderen

Bildquelle: adigitaldreamer.com © Coppermine Photo Gallery normal_3d-blocks3

Marion Selzer

Marion Selzer

Marion beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Thema gesunder Lebensweise, insbesondere mit der Frage, wie sich die persönliche Ernährung optimieren lässt. Aus eigener Erfahrung weiß sie, wie schwer es sein kann, einen gesünderen Lebensstil zu praktizieren.

Mit ihren Artikeln möchte sie Mut machen, dass Veränderungen von Gewohnheiten möglich sind und sich lohnen.

Marion ist Dipl. Juristin, Mediatorin, Ernährungs- und Diätberaterin, psychologische Beraterin und Autorin
Marion Selzer

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2 Kommentare zu “Das Wertequadrat (Entwicklungsquadrat) nach Schulz von Thun

  1. Das Wertequadrat hilft mir oft, um mir über das klar zu werden, was ich will. Denn meist weiß ich zuerst, was ich nicht mehr will.
    Und mit Hilfe des Wertequadrats „stricke“ ich mich bis zum Ziel vor.

  2. Was fehlt, ist die kritische Würdigung des Wertequadrates. Ja, es ist ein nützliches Tool unter den hier ausgeführten Aspekten. Ein Risiko liegt darin, dass man allzu leicht in die Falle „Die Wahrheit liegt in der Mitte“ tappen kann. Wirklichkeiten sind aber komplexer und man kann allzu leicht in eine völlige Wertfreiheit fallen (wertfrei=wertlos). Zur Übung bitte ein Wertequadrat mit z.B. „Philantropie“ und „Misantropie“ aufbauen.

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