Christian Thibaudeau: Das „Neuro Typing Trainings System“ Teil 1

Optimales Training – angepasst an das individuelle neurologische Profil

Unsere Persönlichkeit ist genetisch determiniert durch die Balance unserer Neurotransmitter, die alle bewussten und unbewussten körperlichen und mentalen Vorgänge kontrollieren!

Das Nervensystem ist für die Rekrutierung der Muskelfasern, wie auch für die Koordination und „Performance“, die Explosivität und Leistungsfähigkeit verantwortlich, aber auch für unsere Stimmung, Tagesform, Motivation usw.

Vom Nervensystem hängt auch ab, wie wir auf Stress jeglicher Art reagieren, wie gut oder schlecht wir uns von Belastungen erholen, wie wir uns von intensivem Training regenerieren, wie viel Energie wir beim Training freisetzen können, wie hoch die optimale Intensität, Frequenz und das Trainingsvolumen pro Trainingseinheit und Trainingswoche sind.

Um beim Training die richtigen Trainingsreize zu setzen, muss das Training unserem neurologischen Profil entsprechen, da wir sonst auf Dauer die Motivation verlieren oder sogar ins Übertraining abrutschen. Ob das Training uns Freude bereitet oder uns frustriert, ob wir die idealen Wachstumsreize setzen oder uns verletzen, hängt davon ab, ob wir entsprechend unseres individuellen Neurotransmitter-Profils trainieren oder nicht.

In den vorherigen Artikeln zu diesem Thema habe ich das Braverman-Assessment als Indikator zur Ermittlung des individuellen Neurotransmitter-Profils vorgestellt. Heute möchte ich auf das „Neuro Typing System“ des kanadischen Strength Coaches Christian Thibaudeau eingehen, der einen Fragebogen von Dr. Cloninger verwendet, das „Cloninger Temperament and Character Inventory (TCI)“.

Neurotransmitter-Balance und Persönlichkeitsstruktur

Unsere Persönlichkeit, unsere Vorlieben und Abneigungen verraten viel über die individuelle Neurotransmitter-Balance, also welche Neurotransmitter niedrig und welche hoch sind.

Deshalb ist es bei der Trainingsplanung sinnvoll, zu Beginn einen Persönlichkeitsfragebogen zu beantworten, da dieser sehr exakte Rückschlüsse auf unser individuelles Neurotransmitter-Profil ermöglicht.

Christian Thibaudeau arbeitet mit dem „Cloninger Temperament and Character Inventory (TCI)“- Fragebogen, der drei unterschiedliche Persönlichkeitstypen unterscheidet und anhand derer man rückschließen kann, wie die jeweilige Neurotransmitterverteilung aussieht.

Dr. Cloninger hat herausgefunden, dass die Persönlichkeitsstruktur von der Neurotransmitter-Balance abhängt, die über Vorlieben, Abneigungen, Belastbarkeit, Stressresistenz, Regenerationsfähigkeit usw. entscheidet. Wendet man diese Informationen in der Trainingsplangestaltung an, lassen sich individuelle Trainingsprogramme erstellen, die dem individuellen psychologischen Profil entsprechen.

Damit lassen sich einerseits optimale Trainingsreize setzen und andererseits sind Motivation und Begeisterung dauerhaft hoch, so dass das Training auch auf lange Sicht Spaß macht. Der beste Plan nützt nur wenig, wenn ich schon nach zwei Wochen keine Lust mehr habe und frustriert abbreche.

Drei grundlegende Neurotransmitter-Profile

Menschen entwickeln unterschiedliche Persönlichkeitsstrukturen, weil die drei Neurotransmitter Dopamin, Serotonin und Norepinephrin in unterschiedlichem Ausmaß gebildet werden.

Dr. Cloninger unterscheidet folgende drei Hauptpersönlichkeitstypen:

Typ 1: Wird durch einen niedrigen Dopamin-Level geprägt

Dieser Typ ist ständig auf der Suche nach neuen Wegen und Reizen, um die von Natur aus niedrigen Dopamin-Level zu steigern. Das Verhalten orientiert sich daran, ständig den „Dopamin-Kick“ auslösen zu wollen.

→ typische „Adrenalin-Junkies“

→ in der Psychologie bezeichnet man diesen Typ als „ novelty seeking type“

Typ 2: Wird durch einen niedrigen Norepinephrin-Level geprägt

Norepinephrin wird mit Selbstvertrauen, Selbstzufriedenheit und dem Gefühl „mit sich und der Welt im Einklang zu sein“ assoziiert. Dieser Typ strebt nach sozialer Anerkennung (will den Leuten gefallen), weil dadurch die Norepinephrin-Ausschüttung stimuliert wird. Das Verhalten orientiert sich daran, ständig ein positives Feedback von seinem Umfeld zu bekommen und dadurch das (von Natur aus mangelnde) Selbstvertrauen zu stärken und Bestätigung im Außen zu erfahren.

→ „Helfersyndrom“: Menschen, denen die Meinung anderer sehr wichtig ist und nahezu alles tun, um gemocht zu werden

→ wird in der Wissenschaft als „reward dependant typ“ bezeichnet

Typ 3: Wird durch einen niedrigen Serotonin-Level geprägt

Dieser Typ braucht Struktur und Gewohnheit, um sich ruhig und sicher zu fühlen. Er kommt am besten klar, wenn alles so bleibt, wie es ist und wie er es kennt und gewohnt ist. Dieser Mensch mag keine Änderungen und bevorzugt es, sich in einem Gebiet oder einer Sache zu spezialisieren. Änderungen und neue Herausforderungen machen ihm Stress.

→ typischer „Nerd“, der sich in einem Gebiet perfekt auskennt und andere Dinge meidet, so gut es geht.

→ wird in der Psychologie als „Harm avoider type“ bezeichnet

Genaue Erläuterungen der drei Typen

Im Folgenden schauen wir uns die Profile dieser drei Grundtypen etwas genauer an. Wichtig ist, dass diese drei Typen selten in Reinform vorkommen. Die meisten Menschen sind Mischtypen, deren Persönlichkeitsprofil zwar von einem Typus dominiert wird, gleichzeitig sind jedoch auch andere Anteile vorhanden.

1. Der „Novelty Seeker“

Dieser Typ hat von Natur aus relativ niedrige Dopamin-Spiegel und sein ganzes Verhalten und Bestreben ist darauf ausgerichtet, Aktivitäten und Verhaltensweisen zu entwickeln, die die Dopaminbildung stimulieren. Neben dem niedrigen Grundspiegel an Dopamin verfügt der Novelty Seeker gleichzeitig über sehr sensitive Dopamin-Rezeptoren, die unter den richtigen Umständen eine hohe Dopamin-Ausschüttung produzieren können.

→ Aufgrund dieser sehr sensitiven Rezeptoren können solche Typen regelrecht „süchtig werden“ nach Dopamin stimulierenden Aktivitäten und Substanzen!

→ Sie sind ständig getrieben von der Suche nach dem nächsten „Dopamin-Kick“.

Eigenschaften:

  • brauchen aufregende und intensive Erlebnisse und „High-Adrenalin“-Aktivitäten
  • werden schnell gelangweilt durch Routine und Wiederholung
  • sind von Natur aus eher ernsthaft
  • sind „kurz angebunden“ und verlieren schnell die Geduld
  • benötigen unterschiedliche / abwechslungsreiche Stimulie und Herausforderungen
  • fühlen sich von Natur aus angezogen von Aktivitäten, bei denen keine sich ständig wiederholenden Prozesse vorkommen
  • sind schnell gelangweilt und genervt von Eintönigkeit und Routine, wie Ausdauertraining und Krafttraining, bei dem immer mit demselben Trainingsplan trainiert wird
  • sind nicht talentiert für Ausdauersportarten, insbesondere weil ihnen schnell langweilig wird, sie dafür keine Geduld haben und in der Regel über hohe Serotonin-Level verfügen (die Leistungsfähigkeit, Arbeitskapazität und Motivation fällt rasch ab, wenn der Dopamin-Spiegel niedrig ist im Verhältnis zum Serotonin-Spiegel)
  • sie sind extrovertiert und fühlen sich wohl in der Öffentlichkeit
  • sind sehr wettbewerbsfreudig
  • freuen sich über neue Herausforderungen und darüber, neue Fertigkeiten zu erlernen
  • sind freudig erregt, beim Training neue Übungen zu erlernen (selbst wenn es anstrengend und herausfordernd ist)
  • das Neue / der neue Reiz stimuliert die Dopaminausschüttung und das ist alles, was zählt!

Bevorzugte Sportarten

  • Extremsportarten
  • Kontaktsportarten wie Football
  • Kampfsportarten
  • kurze Intensive Disziplinen wie Sprinten, Springen, Werfen usw.
  • Individualsportarten, kein Mannschaftssport

Krafttraining

  • Bevorzugen eher ein Krafttraining, wie es bei Schnellkraft- und Maximalkraftsportarten trainiert wird (olympisches Gewichtheben, Powerlifting, Cross Fit, Strongmen usw.), bei denen es um Leistung und „Performance“ geht. Typisches Bodybuildingtraining ist ihnen meistens zu langweilig und eintönig.
  • Sie bevorzugen beim Training eher schwere komplexe Grundübungen wie Kniebeugen, Kreuzheben, Bankdrücken, Overheadpress, Klimmzüge, Dips, Reißen, Umsetzen und Stoßen usw. Isolationsübungen sind ihnen meist zu eintönig und zu langweilig.

Ernährung

Idealerweise Low Carb (mit häufigem Re-Feed alle 3 – 4 Tage) und hohem Proteinanteil

2. Der „Reward Dependant“

Dieser Typ hat von Natur aus relativ niedrige Norepinephrin-Level und sein ganzes Verhalten und Bestreben ist darauf ausgerichtet, Aktivitäten und Verhaltensweisen zu entwickeln, die die Norepinephrinbildung stimulieren.

Norepinephrin ist für ein Gefühl von allgemeinem Wohlbefinden, Selbstzufriedenheit und Selbstvertrauen zuständig. Ist der Norepinephrin-Level niedrig, kann dies zu depressiver Verstimmung, Unsicherheiten, wie auch einem Mangel an Motivation und Selbstvertrauen führen. Um dies auszugleichen sucht dieser Typus Bestätigung und Anerkennung im Außen, was auch zu einer Abhängigkeit von der Meinung anderer führen kann.

Das ist der typische „People Pleaser“, dessen Selbstvertrauen davon abhängt, wie andere Menschen ihn beurteilen und bewerten. Für diesen Typus ist es sehr wichtig, gemocht und respektiert zu werden, er braucht ständig Lob und Bestätigung von Außen.

Eigenschaften

  • brauchen das Gefühl von Anerkennung und Bestätigung
  • deshalb suchen sie aktiv und offensiv soziale Kontakte
  • sind sehr gesellig und empathisch
  • machen sich auch gerne Sorgen um andere und wollen helfen, wo es nur geht („Helfersyndrom“, „Kummertante“)
  • aufgrund ihrer Tendenz, ständig anderen helfen zu wollen und ihrem Bedürfnis jedem zu gefallen und allen gerecht zu werden laufen sie Gefahr, ausgenutzt zu werden
  • sie machen alles Erdenkliche, um sich für die Bedürfnisse anderer einzusetzen und laufen dabei Gefahr, ihre eigenen Bedürfnisse zu vernachlässigen
  • sind getrieben davon, vor anderen einen guten Eindruck zu hinterlassen und gemocht zu werden
  • es gibt für diesen Typus nichts Schlimmeres, als anderen zu missfallen und nicht den Erwartungen anderer zu entsprechen
  • Menschen zu enttäuschen ist ein absolutes „No-Go“
  • um bei anderen einen guten Eindruck zu machen, sind sie bereit, nahezu alles Erdenkliche zu tun

Sportarten

  • perfekte „Teamplayer“, deshalb bevorzugen sie Mannschaftssportarten wie Fußball, Basketball usw.
  • sind nur selten Individualsportler und auch niemand, der zum „Superstar“ wird, aber sie tun alles, um das Team zu unterstützen und zum Sieg zu verhelfen (und dafür geliebt zu werden)

Krafttraining

  • fühlen sich eher zum Bodybuilding hingezogen, da „krass auszusehen“ für sie eine Möglichkeit darstellt, den Respekt anderer zu erlangen und dadurch ihr Selbstvertrauen aufzubauen
  • in der Wettkampfvorbereitung tendieren sie jedoch dazu, sich selbst massiv unter Druck zu setzen, wollen alles perfekt und richtig machen, was zu Stress und einer hohen Cortisolausschüttung führt (was zur Wasserspeicherung führt und Probleme bei der Definition verursacht)

Ernährung

  • legen eine hohe Disziplin an den Tag, weil sie wissen, dass sie dadurch ihr Aussehen verbessern und damit wiederum den Respekt der anderen ernten
  • neigen jedoch auch dazu, süchtig nach „Cheat-Food“ zu werden (da sie auch die Tendenz haben, sich mit Essen belohnen und deshalb stellen Ausnahmen und „Cheat-Days“ für sie ein hohes Risiko dar).
  • solchen Typen fällt es leichter, durchgehend clean zu essen

3. Der „Harm Avoider“

Dieser Typ hat von Natur aus relativ niedrige Serotonin-Spiegel und sein ganzes Verhalten und Bestreben ist darauf ausgerichtet, Aktivitäten und Verhaltensweisen zu entwickeln, die die Serotoninbildung stimulieren.

Chronisch niedrige Serotonin-Spiegel können zu dauerhafter Müdigkeit, auch schon morgens nach dem Aufstehen führen. Oft leiden solche Menschen durchgehend unter Antriebslosigkeit, unzureichender Motivation („ihnen ist ständig alles zu viel“) und einem allgemein niedrigen Energie- und Aktivitätslevel.

Da ihnen alles „zu viel“ ist und sie wenig Energie haben und wenig belastbar sind, versuchen sie, stressige und belastende Situationen zu umgehen. Deshalb scheuen sie Konflikte und offene Konfrontationen, versuchen alle unangenehmen Situationen zu vermeiden und reagieren viel sensibler auf Kritik als andere Menschen. Sie fühlen sich am sichersten in gewohnten, meist familiären Situationen, wenn sie die Kontrolle haben und wissen, dass es nicht zu Eskalationen kommt.

Eigenschaften

  • sind meistens schüchtern und zurückhaltend
  • vertragen keine Kritik, sogar konstruktive Kritik verursacht bei ihnen massiven Stress
  • sie reagieren auf Kritik und Ablehnung sofort mit maximalem Stress und einer überdurchschnittlich hohen Cortisolausschüttung (was Muskelaufbau und Fettverbrennung sehr schwierig macht)
  • unerwartete Planänderungen werfen sie völlig aus der Bahn und verursachen ebenfalls sofort maximalen Stress („drehen leicht durch“, wenn ein Plan nicht funktioniert oder durchkreuzt wird)
  • sie neigen dazu, alles perfekt durchzuplanen (um jegliches Risiko zu vermeiden), insbesondere dann, wenn eine potenzielle Gefahr lauern könnte
  • deshalb sind sie in der Regel sehr gut organisiert und überlassen nichts dem Zufall
  • in stressigen Situationen verlieren sie schnell den Überblick, sind handlungsunfähig und können keine Entscheidungen mehr treffen
  • die treibende Kraft dieser Menschen ist, jegliches Risiko, alle Formen von Stress und auch von Verletzungen beim Training (wie auch Übertraining) zu vermeiden
  • beim Training machen sie am liebsten immer dieselben Übungen und denselben Plan, alles was sie schon kennen und wovon sie wissen, dass es funktioniert ist ihnen am liebsten
  • im Gegensatz zu Typ 1 werden sie durch Variation und Abwechslung eher beunruhigt und gestresst als motiviert → sie wollen nur ungern neue Übungen / Trainingspläne ausprobieren
  • sie sind bei allem, was sie machen sehr fokussiert, neigen zum Perfektionismus und zu regelrechter Besessenheit alles fehlerfrei zu machen
  • einem regulären Plan zu folgen funktioniert für sie sehr gut und sie steigern die Trainingsgewichte meistens nur sehr vorsichtig

Sportarten

  • bevorzugen „risikoarme“ Sportarten, bei denen die Verletzungsgefahr möglichst gering ist
  • intensive Sportarten und v. a. Kontaktsportarten missfallen ihnen
  • mögen keine sportlichen Wettkämpfe

Krafttraining

  • bevorzugen strikte Trainingspläne, bei denen festgelegt ist, was in welcher Trainingseinheit trainiert wird
  • machen am liebsten immer dieselben Übungen mit denselben Satz-Wiederholungs-Schematas
  • fühlen sich am sichersten, wenn sie alles schon gut kennen und werden durch Änderungen schnell demotiviert
  • haben eine niedrige Stresstoleranz und fühlen sich deshalb schnell überfordert
  • reagieren auf Belastungen jeglicher Art mit einer überdurchschnittlich hohen Cortisolausschüttung (im Vergleich zu anderen Menschen)

Ernährung

  • Low-Carb ist nichts für solche Typen, sie brauchen sogar Kohlenhydrate zu jeder Hauptmahlzeit, um Cortisol niedrig zu halten und ein weiteres Absinken des Serotonin-Spiegels zu verhindern
  • besonders wichtig sind Kohlenhydrate vor dem Training und am Abend

Im nächsten Teil dieses Artikels erläutere ich, wie die genauen Trainingsempfehlungen von Christian Thibaudeau für die einzelnen Neurotransmitter-Typen aussehen>>

Quellen und weiterführende Informationen

Christian Thibaudeau

Dr. Robert Cloninger

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Jens Sprengel

Jens Sprengel

Jens ist Gründer und Betreiber von inspiriert-sein.de und schreibt zu den Themen Beweglichkeit & Körpertraining, Selbstheilungskräfte aktivieren & Gesundheitsoptimierung u.v.m.

Jens ist staatlich anerkannter Heilpraktiker, Cransio-Sacral-Therapeut, Personaltrainer, Verleger und Autor
Jens Sprengel

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